• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    5. Nov 97
    Theurer Wilhelm

    Ich habe Dir eigentlich nichts zu schreiben, es
    geschieht nur so in einer Stunde, in der man
    Zwiegespräch u Aufmunterung brauchen könnte.
    – Als ich Dir zuletzt schrieb, wußte ich noch nichts
    von den Details bei Mela's Niederkunft.
    Seither hat er sie mir erzählt. Er hat mir sehr
    leid gethan, er war furchtbar erschüttert
    u hatte auch wieder sein Air von falscher
    Autorität, womit er sein Neurotisches zum
    Schweigen bringt. Seither ist er ruhiger, aber
    die Nothwendigkeit einer Laparotomie
    oder eines Verzichts auf weitere Nachkom̄en-
    schaft wird seine Stim̄ung wol noch lange trüben.
    Die junge Mutter soll jetzt sehr heiter u wolauf
    sein, ich habe sie natürlich noch nicht gesehen.
    Frl. Marie sprach ich ganz kurz, sie schwärmte
    viel von meinem neuen Neffen, der wie
    ich merke auch Dein kühles Vaterherz im̄er
    mehr bezwingt. Interessant, daß die
    Literatur sich jetzt so sehr der Psychologie des
    Kindes zuwendet. Ich habe heute wieder
    ein derartiges Buch erhalten, von James
    Mark Baldwin. So bleibt man im̄er ein
    Kind seiner Zeit, auch mit  dem, was man
    für sein Eigenstes hält.

  • S.

    Mir graut übrigens vor all der Psychologie 
    die ich in den nächsten Jahren aus Büchern
    holen soll. Gegenwärtig kann ich weder
    lesen noch denken. Das Beobachten zehrt
    mich ganz auf. Meine Selbstanalyse stockt
    wieder einmal, besser, sie träufelt so
    langsam weiter, ohne daß ich etwas von
    ihrem Verlauf verstehe. In den anderen
    Analysen hilft mir die letzte Idee über
    den Widerstand noch im̄er weiter.

    Unlängst bekam ich Anlaß einen alten 
    – auch schon gedruckten Einfall zur Neurosen-
    wal wieder aufzunehmen, daß nämlich
    die Hy sich auf sex. Passivität, die Zw. auf
    Aktivität beziehen. Sonst geht es langsam,
    langsam. Da ich nichts anderes kann als
    analysiren u nicht voll beschäftigt bin 
    langweile ich mich am Abend. Meine
    Vorlesung wird von 11 Hörern besucht,
    die mit Bleistift u Büchel da sitzen
    u verflucht wenig Positives zu hören
    bekom̄en. Ich spiele vor ihnen den neuro-
    path. Naturburschen u commentire den
    Beard; mein Interesse ist aber gar nicht
    dabei.

    Über meine Deutung des König Oedipus
    u des Hamlet hast Du mir nichts ge-
    schrieben. Da ich das sonst niemand

  • S.

    erzähle, weil ich mir die befremdete Ablehng
    vorher denken kann, möchte ich eine kurze
    Äußerg von Dir darüber haben Du
    hast mir im Vorjahr manchen Einfall mit
    gutem Recht zurückgewiesen.

    Einen angeregten Abend verschaffte mir
    unlängst mein Freund Em. Loewy , Prof. 
    der Archaeologie in Rom, ein ebenso
    gründlicher als ehrlicher Kopf u braver
    Mensch, der mich jährlich einmal zu besuchen
    u bis 3h morgens wachzuhalten pflegt.
    Er verbringt seine Herbstferien hier, wo
    seine Familie lebt. Von seinem Rom – –

    – 10. Nov 97.
    Ich freue mich riesig, daß es Dir so
    ergeht, daß die Zahlen sich Dir zum
    Gebäude harmonisch zusam̄enfügen 
    Beneide Dich aber auch, denn ich
    weiß wieder einmal gar nicht 
    wo ich bin, u langweile mich sehr
    mit mir. Ich werde mich zwingen 
    den Traum zu schreiben, um
    herauszukom̄en. Die Daten
    der Familie Bernays (Geburtstage)

     

     

  • S.

    werden für Dich zusammengesucht.
    Wir müssen noch auf Antwort von Mama warten,
    die in Meran ist. Ich fürchte,
    es werden jüdische Daten dabei sein.

    Bei Oscar ist irgendwas gerissen infolge
    der traurigen Erwartungsperiode.

    Ich fürchte, er wird jetzt ein kompletter Philister
    und verzichtet auf weitere Nachkommenschaft.
    Laß  Dich aber gegen ihn nichts merken.
    (Bei Dir eine überflüssige Mahnung.)
    Ich denke sehr daran, Dich wieder einen Tag
    lang auszubeuten, es geht nur mündlich,
    und mir geht der intellektuelle Genuß,
    etwas Neues zu verstehen, sehr ab.
    Der Sparsamkeit wegen frage ich an,
    ob Du nicht zu Weihnacht hieher kommst?

    Herzlichste Grüße für Dich, Weib und Kind
    Dein Sigm

     

    P.S. Oli wird schlimm, übermütig,
    lernt schlechter und hat den ersten Zahn verloren.
    19. Febr 91