• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    27.X.99
    Theurer Wilhelm 

    Dank für die freundlichen Worte, mit
    denen Du die Übersendung des
    Traumbuches beantwortet hast. Ich bin
    mit dem Zeug schon lange ausge-
    söhnt u sehe seinen Schicksalen
    mit – resignirter Span̄ung entgegen.
    Wen̄ das Buch nicht rechtzeitig, wie ich
    wollte, auf Deinen Geburtstagstisch
    gekom̄en ist, so ist der nicht in Rechnung
    gezogene Umstand daran schuld, daß
    die Post es nur als Paket annehmen
    wollte. Wir hatten die Absendung so abgepaßt,
    als ob es als rekommandirter Brief
    gehen sollte. So ist es vielleicht bei Dir
    zu spät gekom̄en, anderwärts wird
    es sicherlich zu früh kom̄en. Es ist übrigens
    bis heute noch nicht ausgegeben, andere
    als unsere zwei Exemplare haben das
    Licht der Öffentlichkeit noch nicht erblickt. 

  • S.

    Jetzt, die anderen fünf Bücher, die ich
    vorhabe – da werden wir uns Zeit
    lassen müßen. Lebenszeit, Material, Gedanken, 
    Fernbleiben der ärgsten Störungen, und
    was gehört nicht noch alles dazu. Auch
    dann einmal ein kräftiger Stoß von
    „befreundeter Seite". Vorläufig ist
    der Faden wieder abgerißen, darum
    auch die Antwort auf Deine Fragen
    ausgeblieben. Ich suche nach dem
    richtigen Angriffspunkt. Die pathologischen
    Erscheingen sind auch auf dem Sexualgebiet
    vielfach Compromißbildungen und zur
    Auflösung ungeeignet.

    Stim̄ung hält unerschüttert aus in
    diesen schlechten Zeiten, aber ich
    bin wieder faul und ohne Einfall.
    Im Hause fordert eine Epidemie von
    Catarrhen noch im̄er neue Opfer.
    Sorgen macht uns endlich doch
    Ernst, der, seitdem er in Wien ist,
    alle paar Tage unter verschiedenen
    Vorwänden fiebert, Diarrhoe hat,
    schauerlich aussieht und dabei so

  • S.

    fesch ist, daß er nie seine Krankheit 
    eingestehen will.

    28/X Gestern abends war ich nach langer
    Zeit wieder einmal bei Oscar u Melanie.
    Zu einer Tarokpartie nämlich; sonst
    kom̄e ich oftmals im Tag hinauf, wie
    Dir ja meine Schwäche für die
    beiden gewöhnlichen Menschenkinder
    bekannt ist. Dem Nachtmahl – Karfiol
    u Hühner, beides mein Abscheu, –  hatte
    ich mich glücklich entzogen. Oscar hat
    mir Einwendungen gegen die Hamlet-
    Auffassg, nach einem Theaterabend
    entstanden, angekündigt. Deine
    Schwägerin Marie fängt an spitz auszu-
    sehen wie die Mädchen, die warten.
    Norbert besuche ich sonst manchmal, 
    es thut mir leid, daß er noch im̄er
    voll Angst steckt, in den Vater
    verliebt ist und wenig spricht.
    Das Kleine ist nicht blühend, aber
    heiter. 

    Ich habe allen Grund anzunehmen, daß
    Arthur Schiff mit Gretel Breuer

  • S.

    verlobt ist (schweres Geheimniß natürlich) 
    Aber ich errathe mancherlei. Deine
    nasalen Funde dürften also in nicht
    zu ferner Zeit officielle Anerken̄g
    finden. Politische Heiraten.

    Du siehst, sowie man nicht von seinen
    Sorgen oder von der ungeborenen
    Wissenschaft sprechen will, verfällt
    man ins Tratschen. Darum Schluß.

    Wen̄ sich in der Sexualtheorie
    wieder etwas rührt, überrasche ich
    Dich wieder mit ein paar rätselvollen
    Zeilen. Unterdeß wünsche ich Euch
    beiden alles Glück zu dem, was
    das Jahr – u Jahrhundert (für den
    Ungebildeten) Euch noch zu bringen
    hat. Im Dezember, meine ich?
    Mit herzlichstem Gruß
    Dein Sigm