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S.
Wien 22 Dez 97
Theurer Wilhelm
Ich bin wieder fidel u sehr gespannt
auf Breslau, dh auf Dich u Deine
schönen Neuigkeiten über das
Leben u seine Abhängigkeit vom
Weltenlauf. Ich war im̄er neugierig
darauf, fand aber bisher keinen, der
mir Antwort geben konnte. Wen̄
es jetzt zwei Leute giebt, von denen
der Eine sagen kann, was das Leben,
der Andere (beinahe), was die Seele
ist, und die zwei sind einander außerdem
herzlich zugethan, so ist es nur recht, daß
sich die beiden öfter sehen u sprechen
Ich will nur rasch einige Neuigkeiten
abwerfen, um selbst nichts erzhählen
zu müßen u ungestört lauschen zu
können.Es ist mir die Einsicht aufgegangen, daß
die Masturbation die einzige große -
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Gewohnheit, die „Ursucht" ist, als deren
Ersatz u Ablösung erst die anderen
Süchte, nach Alkohol, Morphin, Tabak
etc. ins Leben treten. Die Rolle dieser
Sucht ist in der Hy ganz ungeheuer
vielleicht ist hier mein noch aus-
stehendes großes Hinderniß ganz
oder teilweise zu finden. Natürlich
regt sich dabei der Zweifel, ob
solche Sucht heilbar ist oder ob
Analyse u Therapie hier halt machen
u sich begnügen müßen, eine Hy
in eine Neurasthenie zu verwandeln.Für die Zw bestätigt es sich, daß
die Wortvorstellg u nicht der ihr
anhängende Begriff der Lokalität
ist, wo das Verdrängte durchbricht.
(Genauer, die WortErinnerung). Daher
sind gerne die disperatesten Dinge
als Zw unter einem mehrdeutigen
Wort vereinigt. Diese zweideutigen
Worte sind gelichsam mehrerere -
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Fliegen auf einen Schlag für die durch-
bruchstendenz. ZB folgender Fall. Ein
Mädchen, das die Nähschule besucht u
bald beendigt haben wird, wird von
der Zw belästigt: Nein, Du darfst nicht
fortgehen, Du bist nocht nicht fertig,
Du mußt noch mehr machen, noch
alles mögliche lernen. Dahinter
die Er an Kinderscenen, wo sie auf
den Topf gesetzt wird, nicht bleiben will
u den selben Zwang erfährt. Du darfst
nicht fortgehen, Du bist nooch nicht fertig
Du mußt noch mehr machen. Das Wort
machen gestattet die spätere Situation mit
der infantilen zusam̄en zu fassen. Die
Zw bekleiden sich häufig mit einer
eigentümlichen Wortunbestim̄theit,
um solche mehrfache Verwendg zu gestatten
Faßt man sie (bew.) näher ins Auge, so
geräth dan̄ der Ausdruck daneben.
„Du mußt noch mehr lernen", was ¿¿¿
später die fixirte Zw wird, entsteht
durch solche mißverstädnliche Deutungen
von Seiten des Bewußten. -
S.
Es ist nicht alles Willkür dabei. Das Wort
„machen" hat selbst die analogeWarn
Wandlung in seiner Bedeutg erfahren.
Eine alte Phantasie von mir, die ich Deinem
linguistischen Spürsinn empfehlen möchte,
handelt von der Abkunft unserer Thätig-
keitsworte von solchen ursprünglich kopro-erotischen
Terminis.Ich kann Dir kaum ausführen, was
sich mir Alles (ein neuer Midas) –
in – Dreck auflöst. Es stim̄t ganz zur
Lehre vom innerlichen Stinken. Vor
allem das Geld selbst. Ich glaube, dies
geht über das Wort „schmutzig" für
„geizige". Ebenso gehen alle Geburtsge-
schichten, Fehlgeburt, Periode über
das Wort „Abort" (Abortus) auf den
Locus zurück. Es ist ganz toll, ist
aber ganz analog dem Vorgang
wie Worte eine übertragenen Be-
deutung annehmen, sobald sich neue
der Bezeichnung bedürftige Begriffe
einfinden. -
S.
Für die in̄ere Echtheit der infantilen Tr.
spricht folgendes Stückchen, das die Pat.
als 3.j. Kind beobachtet haben will.
Sie geht ins dunkle Zim̄er, wo die
Mutter ihre Zustände abmacht u be-
lauscht dieselben. Mit dieser Mutter
hat sie guten Grund sich zu identificiren.
Der Vater gehört zur Kategorie der
„Mädchenstecher“, dem blutige Verletzgen
erotisches Bedürfniß sind. Als sie 2 J.
alt war, hat er sie gewaltsam deflorirt
u mit seiner Gonorrhoe inficirt, so
daß sie damals unter dem Blutverlust
u der Vaginitis lebensgefährlich erkrankte.
Die Mutter nun steht im Zim̄er u
schreit: Elender Verbrecher, was willst
Du von mir? Dazu geb ich mich nicht
her. Wen glaubst Du, daß Du vor
Dir hast.? Dan̄ reißt sie sich mit der
einen Hand die Kleidg vom Leib
während sie mit der anderen die
Kleider andrückt, was einen sehr
komischen Eindruck macht. Dann
starrt sie gegen eine gewisse -
S.
Stelle des Zim̄ers mit wutverzerrtem
Gesicht, deckt ihren Schoß mit einer
Hand, mit der anderen stößt sie
etwas weg. Dann hebt sie beide
Hände nach oben, krallt sie in die
Luft u beißt die Luft. Unter
Schreien u Schimpfen beugt sie sich
sehr stark nach rückwärts, deckt
wieder ihren Schoß mit einer Hand.
Darauf fällt sie nach vorne über
so daß der Kopf fast den Boden
berührt, endlich fällt sie ruhig¿¿
rücklings auf den Boden. Nachher
ringt sie die Hände, setzt sich in
einen Winkel mit schmerzlich ent-
stellten Zügen u weint.Am affäligsten ist dem Kind die
Phase, wo die Mutter stehend nach
vorne über gebeugt ist. Sie sieht
dabei, daß sie die Fußspitzen stark
einwärts gedreht hält!Wie das Mädchen 6.7 Monate !! alt
ist, liegt die Mutter halb ver- -
S.
blutet an einer ihr vom Vater zugefügten
Verletzg zu Bett. Mit 16 J. sieht sie die
Mutter wieder von einer Uterusblutg
befallen (Carcinom), was den Beginn i
hrer Neurose nach sich zieht. Dieselbe
bricht ein J. später los, wie sie von
einer Haemorrhoidaloperation
hört. Kan̄ es zweifelhaft sein, daß der
Vater die Frau zu Coitus per anum
zwingt? Erken̄nt man im Anfall
der Mutter nicht die einzelnen Phasen
dieser Überwältigg, zuerst der Versuch
ihr von vorne beizukom̄en, dann das
Niederdrücken von rückwärts u das
Eindringen zwischen ihre Beine, was sie
nöthigt, die Füße einwärts zu stellen?
Endlich, woher weiß die Pat, daß man
in Anfällen beide Personen zu agieren
pflegt (Selbstbeschädigg, Selbstmord), wie
hier, indem die Frau mit der einen
Hand sich die Kleider abreißt, wie
der Angreifer, mit der anderen
sie hält, wie damals sie selbst? -
S.
Hast Du einmal eine ausländische Zeitung
gesehen, welche die russische Censur an
der Grenze passirt hat? Worte, ganze
Satzstücken u Sätze schwarz überstrichen,
so daß der Rest unverständlich
wird. Solche russische Censur kom̄t
zu Stande bei Psychosen u ergiebt
die scheinbar sinnlosen Delirien.Ein neues Motto:
„was hat man Dir, Du armes Kind
gethan?"Genug von meinen Schweinereien.
Auf Wiedersehen
Dein SigmIch reise also am Samstag 8h wie verab-
redet.
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