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S.
Wien 16. X. 95
Liebster Wilhelm
Zum Glück habe ich sowol das Kistchen als
den Brief vor Erhalt Deiner strafenden Zeilen
abgeschickt. Du hast nichtsdestoweniger
recht, allein ich könnte Dir Alles befriedigd
aufklären. Das Arbeitsfieber dieser
Wochen, die lockenden Hoffnungen u Enttäuschgen,
einige wirkliche Funde – aufgetragen
auf einem Grund von elendem Körper-
befinden u den gewöhnlichen praktischen
Ärgernißen u Schwierigkeiten; wenn
ich zu alledem Dir noch ein paar Seiten
philosophischen Gestam̄els schicke (nicht
gerade, was ich für gelungen halte)
hoffe ich Dich wieder versöhnlich gestim̄t
zu haben.Ich bin noch im̄er sehr durch ein ander.
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S.
Es ist mir beinahe sicher, daß ich mit den
Formeln vom infantilen Sexualschreck
u Sexuallust die Lösung des Rätsels der
Hy und des Zwgs gefunden habe u ich bin
ebenso sicher, daß beide Neurosen nun
ganz allgemein heilbar sind, nicht blos
die einzelnen Symptome, sondern
die neurotische Disposition überhaupt.
Darüber habe ich eine Art von matter
Freude, etwa 40 J doch nicht umsonst
gelebt zu haben u doch keine ordent-
liche Befriedigg, da die psycholog
Lücke in der neuen Ken̄tniß mein
ganzes Interesse in Anspruch nim̄t.Für die Migr natürlich keinen
Moment übrig, der aber doch
noch komm̄en wird. Das Rauchen -
S.
habe ich wieder ganz aufgegeben, um
bei dem schlechten Puls mir nicht Vor-
würfe machen zu müßen u um den
elenden Kampf mit der Sucht nach
der 4ten u 5ten los zu werden; kämpfe
also lieber gleich um die erste.
Wahrscheinlich ist die Abstinenz der psych.
Zufriedenheit auch nicht sehr förderlich.Jetzt hätte ich genug von mir gesprochen.
Das Facit ist vielleicht doch da erfreuliche,
daß ich die 2 Neurosen für im Wesen
bezwungen halte u mich auf den
Kampf um die psych. Auslegg
freue.Der Jacobsen (N. L.) hat mir tiefer
ins Herz geschnitten als irgend eine
Lektüre der letzten 9 J. Die letzten Kapitel -
S.
anerkenn̄e ich als klassisch.
Ich freue mich von Dir nach vielerlei An-
deutgen annehmen zu können, daß es
wirklich besser geht. – Rasch noch einigen
Tratsch– Robert Breuer, mein einziger Anhänger
in Wien, wird demnächst auf mehrere
Wochen nach Berlin kom̄en. – Ich habe
eben jetzt 20 Individuen starke Kinder-
jause zu Mathilden's Geburtstag.Vorigen Montag u die beiden folgenden
Vorträge über Hy im Doktorencolleg,
sehr langweilig.Mit herzl Grüßen für
Dich und Deine liebe Frau
Dein Sigm---
Formeln vom infantilen Sexualschreck u Sexuallust
die Lösung des Rätsels der Hy und des ZwgsRobert Breuer, * 1. Juli 1869 Wien, † 9. Februar 1936 Wien, Internist, Privatdozent.
Sohn von > Josef Breuer, 1904-1936 Internist im Rothschildspital der Israelitischen Kultusgemeinde.
Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Robert_Breuer_(Arzt) [29.3.2021]Jens Peter Jacobsen (* 7. April 1847 in Thisted; † 30. April 1885 Thisted)
Studierte Botanik, Anhänger der Lehre von Charles Darwin, Dänischer Schriftsteller, Atheist.
Seine Gurre-Lieder vertonte Arnold Schönberg
›Niels Lyhne, die Geschichte einer Jugend‹ (1880) "Niels Lyhne ist die Gestalt des großen Träumers, der, hin und her geworfen zwischen Traum und Leben, das Leben nicht zwingen kann, weil er, ewig ein Träumer, nie sich selbst ganz fand, und der den Traum, die Illusion nicht entbehren kann, weil nur im Traum Glück ist, weil er weiß, daß Sehnen mehr ist als Erfüllung." (Aus der Einleitung, zitiert nach: https://www.projekt-gutenberg.org/jacobsen/nielslyh/nielslyh.html [2021 03 29])
Teile seines Werkes ›Niels Lyhne‹ wurden vom Frederick Delius (englischer Komponist) in seiner Oper ›Fennimore und Gerda‹ (1908-1910) vertont.
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