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S.
Wien, 11.4.95.
Liebster Wilhelm
Trübe Zeiten, unglaublich trübe. Vor
Allem diese Geschichte mit der Eckstein,
die zu keinem guten Ende hineilt. Ich
habe Dir zuletzt berichtet, daß Gusenbauer
die Höhle in der Narkose beaugenscheint,
augetastet u für ordentlich erklärt
hat. Wir haben uns guter Hoffnung
hin u die Kranke erholte sich allmälich.
8 Tage begann sie bei liegendem Tampon
zu bluten, was bislang nicht der Fall gewesen
war. Sie wurde sofort neu tamponirt, die
Blutg war geringfügig. Zwei Tage neue
Blutg wiederum bei liegendem Tampon
u bereits überreichlich. Neue
Tamponade, neuerliche Rathlosigkeit.
Gestern wollte Rosanes die Höhle wieder -
S.
untersuchen, es war durch Zufall eine Version
von Weil über die Entstehg der Blutg
bei der ersten Operation (Deiner)
aufgetaucht. Sowie der Tampon halb
heraus war, kam eine neue leben-
gefährliche Blutung, die ich mit ansah.
Es spritzte nicht, aber es wogte. Etwas
wie wie ein „Niveau hob sich außerordentlich
rasch u überströmte dan̄ alles. Es muß
ein großes Gefäß gewesen sein; aber
welches u woher? Man sah natürlich
nichts, war froh, daß man wieder
einen Tampon drin hatte. Nim̄ dazu
die Schmerzen, das Morphin, die
Demoralisation durch die offenkundige
ärztliche Ratlosigkeit u den Anstrich
von Gefahr u Du wirst Dir den
Zustand der Armen vorstellen können. -
S.
Man weiß sich nicht zu helfen, Rosanes sträubt
sich gegen die vorgeschlagene Carotisunter-
bindung. Die Gefahr, daß sie zu fiebern
beginnen wird, ist auch nicht mehr weit.
Ich bin doch sehr erschüttert, wenn dergl
Malheur aus der für harmlos ausgegebenen
Operation entstehen kann.Ich weiß nicht, ob ich es ausschließlich dieser
deprimirenden Angelegenheit zuschreiben
soll, daß mein Herzbefinden so sehr unter
dem Mittel dieses Krankheitsjahres
verweilt. Ich habe nach vielmonatlicher
Unterbrechung wieder Strophantus vorge-
nom̄en um einen minder schmählichen
Puls zu haben, was noch nicht recht
gelungen ist. Stim̄ung u Kräfte sind
à bas. Ich werde über Ostern mit Rie
auf den Sem̄ering gehen, vielleicht klaub'
ich mich dort zusam̄en. -
S.
Die Wissenschaft geht halbwegs, dh nichts
Neues, kein Einfall u keine Beobachtg
Mit der Psychologie habe ich mich gründlich
überarbeitet u lasse sie jetzt stehen
Nur das Buch mit Breuer geht vorwärts
wird in etwa 3 Wochen fertig vorliegen.
Das einzig Neue, Analyse des Herrn F,
der im Theater schwitzt, ist doch unver-
ständlich, wen̄ ich es nicht erläutere.
Ich hoffe ich kan̄ es Dir noch selbst
vorlesen.So war von Dir noch gar nicht die Rede.
Ich entnehme, daß Du gerade begon̄en
hast, Dich wieder zu fühlen. Halt
jetzt einmal recht lange aus!
Dein Kopf ist doch gut. Das wäre
erreicht; das darf ich jetzt doch glauben?Mit herzlichen Grüßen für Dich
u Deine liebe Frau
Dein Sigm
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Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
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