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S.
Theurer Wilhelm
Ich habe die Ursache Deines Aufschubes geahnt und merke die hoffentlich überstandene böse Zeit ja noch Deinem Briefe an. Mit der Aufnahme meiner Phantasien bin ich aber sehr zufrieden. Ich weiß, Du gibst ihnen den richtigen Platz, verfolgst diese Gesichtspunkte weiter und hältst mich weder für einen Phantasten, weil ich so unfertige Dinge mitteile, noch für einen Narren, der sich darum der Beobachtung und Korrektur überhoben glaubte. Es sind Synthesen und working hypotheses, die hoffentlich unter uns ohne Bedenken gewechselt werden dürfen. Meine innere Freude beim Einfall bezog sich offenbar nicht auf latente Beweise, sondern auf den Fund eines gemeinamen Bodens der Arbeit zwischen uns. Hoffentlich kommt es soweit, daß wir auf ihm gemeinsam Endgiltiges aufführen und dabei unsere Beiträge bis zur Eigentumsverkennung vereinigen. Tatsachen sammeln kann ich ja nur auf psychischem Gebiet wie Du auf organologischem, das Zwischengebiet wird mit einer Hypothese besetzt werden müssen.
Ich kann mich nicht enthalten, Dir ohne rechte Ordnung weiteres an Fakten und Vermutungen aufzuschreiben. Was die Schübe der psychischen Entwicklung betrifft, so läßt sich vielleicht
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S.
neben einer Rechnung, die jedes 3, 6, 12 Multiplum der Tragzeit auszeichnet, eine andere versuchen, die zum Charakter eines Aufspeicherungsvorganges besser stimmen würde. Nämlich, daß man die Summation nicht vom Anfang sondern von jedem Durchbruch an rechnet.
Also: 1 T,
nächste Periode von da an 3 T (im ganzen 4 ),
nächste Periode von da an 6 T (im ganzen 10 T)
usw.,
Vide: Ende.
so daß die Periode selbst und nicht die Durchbrüche ausgezeichnete Multipla wären. Dasselbe müßte für die 28π gelten. Ich habe diese neue Rechnung noch nicht versucht.
(Schon geschehen, geht nicht.)Die verschiedene Verwendung der beiden Stoffe scheint mir die Grundidee des Versuches zu sein. Ich bin also zufrieden, daß Du noch kein empirisches Motiv hast, sie auszuschließen. Von diesem Boden aus läßt sich noch folgendes erspähen: Die beiden Stoffe werden zunächst täglich gleichzeitig entbunden, mit der Geschlechtsdifferenzierung kommt der Überschuß, und dieser macht sich nach den verschiedenen Summationsformeln zu verschiedenen Zeiten geltend. Man hat nun in Betracht zu ziehen die Wirkungen
einer abnormen Produktion,
2) abnormen Verwendung des jedesmaligen aktuellen Vorrates und
3) der erreichten Summen, d. i. der Durchbrüche. -
S.
Zu 1) (Produktion) gehört vielleicht Melancholie und Manie (Entzweiung der Produktion), obwohl dies am unklarsten ist.
Zu 2) (Verwendung des aktuellen Vorrates) gehörten die aktuellen Neurosen, Neurasthenie und Angstneurose. Die Verwendung wäre ja eine mehrfache, psychische und somatische, vielleicht sogar noch direkt toxische. Die Angst entstünde durch somatische Verwendung des weiblichen 28π Stoffes, wenn ihm die sexuelle Abfuhr versagt ist; die Neurasthenie durch somatische Verwendung des männlichen Stoffes. Demnach sollten die Menstruationstage die Abfuhr unverwendeter Stoffe durch Summation bewerkstelligen, an 23-Terminen Neurasthenie, an 28- Angstcharakter der Symptome zeigen. Bei der gleichzeitigen Entbindung beider Stoffe wären Vermengungen der Symptome unvermeidlich. Die toxische Wirkung (Resorption) könnte in Analogie zur Melancholie und Manie (nicht Melanie und Marie) gebracht werden.Die Wirkung der periodischen, nach dem Geschlecht verschiedenen Durchbrüche zeigte sich pathologisch in den Entstehungsbedingungen von Zwang und Verdrängung. Es wäre also in Betracht zu ziehen:
1) der tägiche Vorrat
2) dessen Vrrmerhung in einem oder anderen Sinne durch die am Tag fällige Summation,
3) dessen Änderung durch die großen Perioden.Das „Vorzeichen" eines Termins wäre relativ, dh: je nachdem der männliche oder weibliche Stoff die aufhebende Beziehung zu einem Krankehitsstoff hat.
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S.
Weit dahinter steckt mein Ideal- und Schmerzenskind, die Metapsychologie. Die Lustempfindung, meine ich, wäre eher eine Abfuhr- als eine lntoxikationssensation.
Nun ohne rechten Zusammenhang Psychoneurotisches. Daß Du die Aufklärung der Angst als Angelpunkt anerkennst, ist mir sehr recht. Vielleicht habe ich Dir noch die Analyse mehrerer Phobien nicht miteteilt. „Angst, sich aus dem Fenster zu stürzen" ist ein Mißverständnis den Bewußten, respektive Vorbewußten, bezieht sich auf einen unbeußten Inhalt, in dem Fenster vorkommt, und zerlegt sich so:
Angst + ....... Fenster . .... ;
erklärt sich so:
Unbewußte Idee: Zum Fenster gehen, um sich einen Mann heraufzuwinken wie die Prostituierten:
Sexualentbindung von dieser Idee.
Vorbewußtsein: Ablehnung, daher: Angst aus der Sexualentbindung. Aus dem Inhalt bewußt wird nur Fenster, weil dieses Stück durch eine zur Angst passende Idee: „Aus Fenster stürzen" als Kompromißergebniß gehoben wird. Sie nehmen also wahr: Angst vor dem Fenster und deuten sie im Sinne des Stürzens; was nicht einmal immer bewußt dabei ist. Ihr Handeln ist übrigens nach beiden Motiven das nämliche: Sie gehen nicht zum Fenster. Denk' an Faire de la fenètre in Guy de Maupassant. -
S.
Ich habe trotz der mir bekannten Unrichtigkeiten und Lücken im Oberbau und der geringen Stringenz des Unterbaues Dir das Elaborat nicht vorenthalten wollen. Du bist fürs erste kein Breuer, dem man nichts Unfertiges zeigen darf. Zweitens ist es möglich, daß Du etwas damit machen, und drittens, daß Du mich von solcher Verwertung Deiner Perioden gründlich abbringen kannst. Vielleicht interessiert Dich, wie ich dazu gekommen. Ich merkte, daß ich an deutlich 28tägigen Terminen ohne sexuelle Lust und impotent bin, was sonst doch noch nicht der Fall ist. Als mir dann die Sache einfiel, hatte ich einen glücklichen Tag, ohne recht zu wissen, warum, eine Art seligen Nachgeschmacks wie nach einem schönen Traum. Das Stück Begründung ist dann später nachgekommen und reicht für jenes Gefühl lange nicht aus. Es
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S.
müssen also im Unbewußten noch mehr Beweismittel vorbereitet sein.
Die periodische Melancholie-Manie als zeitliche Entzweiung der sonst gleichzeitigen Lust- und Unlustentbindungen zu nehmen liegt wohl nahe.
Ich habe gleichzeitig allerlei schöne Aufklärungen in meinem Gebiet. So eine lang gehegte Vermutung über den Mechanismus der Agoraphobie bei Frauen bestätigt. Du errätst es wohl, wenn Du an „öffentliche" Frauen denkst. Es ist die Verdrängung des Vorsatzes, sich den ersten besten auf der Straße zu holen: Prostitutionsneid und - Identifizierung. Auch sonst könnte ich zufrieden sein, aber immer noch ist niemand fertig; es ist mir, als fehlte mir noch ein wesentliches Stück. Solange kein Fall bis zum Ende durchschaut ist, fühle ich mich nicht sicher
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S.
und kann ich nicht froh werden. Wenn das einmal geschehen ist, bin ich imstande, mir einen guten Tag zwischen zwei Reisenächten zu machen.
Die Aufklärung für die Phase des „Clownism[us)" im Charcotschen Anfallsschema liegt in den Perversionen der Verführer, die offenbar selbst im Repetitionszwang nach ihrer Jugend ihre Befriedigung unter den tollsten Bocksprüngen, Purzelbäumen und Grimassen verfolgen. Dazu der Clownismder Bubenhysterie, die Thiernachahmung und Zirkusszenen, die sich aus der Verwebung von Jugendspielen in der Kinderstube mit sexuellen Szenen erklären. Wirst Du glauben, daß eine géne vor Biertrinken und Rasieren sich durch eine Szene aufklärt, wo die Kindsfrau sich podice nudo in eine flache Rasierschale mit Bier gefüllt setze, um sich dann lecken zu lassen? u. dgl.
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S.
Binswanger hat soeben ein dickes Handbuch der Neurasthenie publiziert, in dem die sexuelle Theorie, also mein Name, nicht einmal vorkommt! An dem werde ich kalte Rache nehmen, sobald ich die Neurasthenie auf dem Boden unserer hoffentlich bald verschmolzenen Theorien zu deuten weiß.
Ich grüße Dich, Frau u Sohn herzlichst
Dein Sigm
Berggasse 19
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Von-der-Heydt-Straße 1
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