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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 1923.Okt 98
Theurer WilhelmDieser Brief soll Dich an dem für
Dich bedeutungsvollsten Datum
treffen u Dir über die Entferng
hinweg meinen u der Meinigen
Glückwunsch bringen, einen Wunsch
der – wie es seine Natur u nicht
der menschliche Mißbrauch verlangt –
sich auf die Zukunft bezieht u zum
Inhalt hat: die Erhaltung u Ent-
wicklg des gegenwärtigen Besitzes
sowie die Erwerbung neuer Güter
an Kindern u Erkenntnißen, endlich
die Fernhaltung von jeder Spur
mehr an Leid u Krankheit, als
der Mensch dringend zur Anspan̄ung
seiner Kräfte u zur Vergleichung
mit dem Guten bedarf. -
S.
Es sind wol dießmal gute Zeiten.,
bei Dir, von denen so wenig zu
sagen ist. Bei mir wäre es ähnlich,
wenn nicht bei der letzten Influenza-
epidemie eine Infektion mich gestreift
hätte, die mir die Stim̄ung nim̄t,
die Nasenathmg behindert u deren
Nachwirkg ich wol zu fürchten habe.
Martha geht es vortrefflich, Mathilde
verträgt u genießt die Schule
besser, als wir gehofft. Meine Kräfte
empfinden längst die von 9-9h
dauernde Arbeit nicht mehr schwer
ja, wen̄ einmal eine Stunde ausfällt,
kom̄e ich mir unbeschäftigt vor.
Es dämmert auch wieder, als sollte
ich heuer in den Stand kom̄en,
von schweren Irrtümern den
Weg zurück zur Wahrheit zu
finden. Aber es ist noch nicht licht
u ich mag mich nicht äußern, um
mich nicht vor unserem Zusam̄en- -
S.
treffen, mit dem ich längst rechne,
auszugeben.Ich bin allerdings nicht gesam̄elt genug,
daneben etwas anderes zu thun,
außer etwa Topographie von Rom
zu studiren, da diese Sehnsucht
im̄er quälender wird. Der Traum
ruht, unveränderlich; es fehlt mir
das Motiv ihn zur Publikation
fertig zu machen, und die Lücke in
der Psychologie sowie die andere
in der das zu Grunde analysirte Beispiel
gesteckt hat, sind Hinderniße für den
Abschluß, die ich noch nicht überwinde.
Sonst bin ich ganz einsam, auch die Vor-
lesung habe ich heuer aufgegeben,
um nichts erzählen zu müssen, was ich
erst zu erfahren hoffe.Meine Schwester Rosa hat am 18 Okt
ein Mädchen geboren, beide sind
wol. -
S.
Eine Lehre habe ich aber doch bekm̄en,
die mich zum alten Mann macht.
Wenn die Feststellung so weniger
Punkte, wie sie in der Auflösg
der Neurosen gefordert wird,
soviel Arbeit, Zeit u Irrtümer
mit sich bringt, wie soll ich hoffen
dürfen, was einst meine stolze
Erwartg war, einen Einblick in
das Ganze des psychischen Geschehens
zu bekom̄en?Vom Standpunkt dieser Erkenntniß
habe ich den I Band von Kassowitz's
Allgemeiner Biologie mit traurigem
u neidischem Lächelnbegreißempfangen.t
Kauf das Buch nicht; ich werde Dir
mein Exemplar schicken.Mit herzlichstem Gruß
Dein Sigm
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