• S.

    Wien 13.2-96.
    Liebster Wilhelm

    Ich bin so vereinsamt, also so erfreut
    durch Deinen Brief, daß ich die
    Stille nach der heutigen Ordination zur
    Antwort benütze.

    Allerersten, daß ich Dir nichts vorent-
    halten. Die neueste Publikation
    ist ein Auszug aus dem für Dich
    geschmiedeten sog Weihnachtsmärhcne,
    etwas sachlicher u zahmer gehalten.

    Auf Deine Nase-Sexus freue ich mich
    natürlich sehr. Sie bereiten auf hiesigen
    Kliniken Gegenarbeiten gegen Dich
    vor. Mehr kon̄te ich nicht erfahren.
    Die Kritik wird Dir nicht näher gehen
    als mir die Strümpellsche, gegen
    die ich wahrlich keinen Trost brauche.
    Ich bin so sicher, daß wir beide ein
    schönes Stück sachlicher Wahrheit
    in die Hände bekom̄en haben, u 
    wir können Anerken̄g von fremder
    (den Dingen fremder) Seite noch

  • S.

    für längere Zeit entbehren. Wir
    werden, hoffe ich noch mehr finden u 
    uns selbst berichtigen, ehe uns
    jemand nachkom̄t. Magst Du München
    nicht, so treffen wir uns auf 3 
    wissenschaftl Tage wo anders; ich
    gebe es gewiß nicht auf.

    Um Breuer's Brief werde ich Dich
    allerdings bitten; es ist mir bei
    allem sehr schmerzlich, daß er
    sich so ganz aus meinem Leben
    gestrichen hat. Er ist übrigens allgemein
    grantig u kränkelt. 

    Der Artikel von Berger folgt.

    Mein Bruder ist ein Sonderling, befindet
    sich aber offenbar sehr wol.

    Meine arme Martha hat ein gequältes
    Leben. Annerl zwar ist glänzend,
    Mathilde hat so wenig Krankheit
    ausgestanden, daß wir sie heute
    mit meiner Schwester Dolfi in
    die Sulz schicken konnten, aber
    dafür ist Martin heute erkrankt

     

  • S.

    u nun wird die Reihe mal weiter
    gehen. Hoffen wir, daß es leicht wird.
    Die Wohngsverhältnisse sind bei
    uns einer Isolirg offenbar sehr
    ungünstig. 

    Mein Befinden verdient nicht Gegenstand
    der Nachfrage zu sein. Die L Eiterg
    hat in letzter Woche recrudeszirt,
    Migrainen ziemlich häufig, die noth-
    wendige Abstinenz thut mir kaum
    sehr wol. Ich bin rasch grau geworden.

    Die Psychologie – Metapsychologie
    eigentlich beschäftigt mich unausgesetzt,
    das Buch von Taine L'Intelligence
    paßt mir außerordentlich. Ich hoffe,
    es wird doch etwas daraus. Die
    ältesten Ideen sind gerade die brauch-
    barsten, wie ich nachträglich finde.
    Ich hoffe, mit wissensch. Interessen
    bis an's Lebensende versorgt
    zu sein. Ein Mensch daneben
    bin ich freilich kaum mehr.
    Abends 10 1/2 h nach der Praxis bin ich
    zu Tode müde.

  • S.

    „Nase u Sexus" werde ich natürlich ohne
    Aufenthalt lesen u zurücksenden.
    Hoffentlich sprichst Du einige unserer
    gemeinsamen Grundansichten über
    Sex. auch darin aus. 

    Von Deinen Röntgen-experimenten
    weiß ich gar nichts. Kan̄st Du mir
    die Zeitg darüber leihweise
    schicken?

    Mit herzl Gruß an Deine
    liebe Frau u Robert
    Dein Sigm