• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    1 Febr 1900
    Theurer Wilhelm

    Die Ahnung von etwas Unheimlichem
    hat also recht behalten. Ich finde es
    arg, daß das Intervall so kurz ist.
    Vielleicht gehören aber die beiden
    Anfälle zusam̄en u nachher geht es
    dauernd gut. Es ist sehr schmerzlich; ich
    weiß auch nichts mehr darüber. 

    Martin hatte sich am 14 Jan zw 2-3h nachmittags
    mit akutem Krankheitsbeginn gelegt.
    Er ist der einzige Fall geblieben, ist 
    wieder wol. Die Beobachtungsreihe
    bricht dießmal jäh ab. Auf ein anderes
    Mal.

    Wenn wir in einer Stadt lebten – die
    müßte aber Berlin sein, nicht Wien – 
    wäre manches anders geworden, u 
    ich glaube, ich wäre gar nicht in die
    Verlegenheit gekom̄en oder bald
    aus ihr heraus. Darum habe ich ja

  • S.

    unsere Tren̄ung so oft bedauert. Leider
    ändert das nichts. Vielleicht, daß für
    mich u für meine Cur harte Zeiten
    kom̄en. Im Ganzen habe ich ja schon 
    oft bemerkt, daß Du mich sehr
    zu überschätzen pflegst. Die Motivirung
    dieses Irrtums nim̄t den Vorwurf
    wieder weg. Ich bin nämlich gar
    kein Man̄ der Wissenschaft, kein
    Beobachter, kein Experimentator,
    kein Denker. Ich bin nichts als ein
    Conquistadorentemperament, ein Aben-
    teurer, wen̄ Du es übersetzt willst,
    mit der Neugierde, der Kühnheit
    u der Zähigkeit eines solchen. Solche
    Leute pflegt man nur zu schätzen,
    wen̄ sie Erfolg gehabt, wirklich
    etwas entdeckt haben, sonst aber sie
    beiseite zu werfen. Und das ist
    nicht so ganz ungerecht. Gegenwärtig
    bin ich aber vom Glück verlassen,
    ich finde nichts Rechtes mehr.

  • S.

    Eine liebenswürdige u feinsinnige, etwas
    verschwom̄ene Kritik des Trbuches
    findet sich in Nr 17 der „Nation" von J.J.
    David, einem persönlich Bekannten.
    Löwenfeld habe ich zugesagt, einen kurzen
    Auszug aus dem Buch als Heft der
    neuen „Grenzfragen des Nerven- u 
    Seelenlebens" zum Sommer fertig zu machen. 

    Ich finde die Wissenschaft im̄er schwieriger.
    Am Abend möchte ich gerne, etwas, was
    aufheitert, erfrischt u wegräumt, bin
    aber immer allein.

    Das Hohenzollernmuster ist lustig. Natürlich
    steigen in dem Ignoranten allerlei
    auf einen idealen Congreß sich bescheidende
    Fragen auf. Warum schiebt die Gesetzmäßig-
    keit die Differenz vor? Ich hoffe, auch
    an Deiner Arbeit hätte ich ganz anders
    Antheil genom̄en, wenn ich in Berlin
    lebte. So entfremden wir uns einander
    von unserem Eigensten her. 

  • S.

    Maggie H. ist jetzt in beständigem Wüthen 
    dabei sehr amüsant. Ich verstehe sie
    sehr gut, denn vor Wuth könnte
    ich auch platzen. Ich habe mir jetzt
    den Nietzsche beigelegt, in dem ich die
    Worte für vieles, was in mir stum̄
    bleibt, zu finden hoffe, aber ihn noch
    nicht aufgeschlagen. Vorläufig zu träge.

    Denk' Du daran, daß ich mir bei
    dem Ausbleiben Deiner Briefe
    regelmäßig die düstersten Erwartungen
    gestalte u schreib' bald
    Deinem Sigm