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IX. BERGGASSE 19.24. 1. 97
Mein theurer Wilhelm
Schön, daß Du meine Bitten so ernst
nim̄st. Aber gewiß, der Fall von
Convulsionen ist keiner von
den erwarteten. Die Sache selbst
hat noch ihren vollen Credit
bei mir. Die meisten meiner
Vermuthgen in Neuroticis
haben sich mir später erwiesen.
Übrigens liegt ja dem Ganzen
eine sichere Zurückführg von
epileptif. Zuckgen auf eine ähnliche
Reizg späterer Monate zu Grunde.
Neues Material habe ich noch
nicht. Die Vorzeit vor 1 1/2 J bekom̄t
immer mehr Bedeutung. So
möchte ich in ihr schon mehrere
Perioden unterscheiden. So habe
ich eine sichere Zurückführg einer
Hy, die unter dem Bilde der
periodischen Verstim̄g auftritt, -
S.
auf Mißbrauch, der zum ersten
Mal mit 11 M geübt wird, u
höre die Worte wieder, die
damals zwischen 2 Erwachsenen
fielen! Das ist doch über den
Phonographen. Die zeitliche
Bedingg für Epilepsie (hy) und
hy Psychose liegt also weiter
zurück. Ein psychotischer Zug liegt
aber auch in der Periodizität
der Verstim̄g.Die Idee der Hexeneinbeziehg
gewinnt Leben. Ich halte sie auch
für zutreffend. Details fangen
an zu wim̄eln. Das „Fliegen" ist
erklärt, der Besen, auf dem sie
reiten, ist wahrscheinlich der große
Herr Penis. Die geheimen Versam̄-
lungen mit Tanz u Amusements
kan̄ man alle Tage auf den
Straßen, wo Kinder spielen,
beobachten. Ich las eines Tages, -
S.
daß das Geld, was der Teufel seinen
Opfern giebt, sich regelmäßig in
Koth verwandelt; und am nächsten
Tag sagt Herr Fellner, der Gelddelirien
von seiner Kinderfrau berichtet,
plötzlich (auf dem Umweg über
Cagliostro Goldmacher - Dukaten-
scheißer), daß das Geld der Louise
im̄er Koth war. Es verwandelt sich
also in den Hexengeschichten nur
zurück in die Substanz, aus der
es entstanden ist. Wen̄ ich nur
wüßte, warum das Sperma des
Teufels in den Hexenbeichten
im̄er als „kalt" bezeichnet wird.
Ich habe mir den Malleus malefic.
bestellt u werde, da nun der
letzte Strich an den Kinderlähmgen
geschehen ist, fleißig studiren.Die Geschichte des Teufels, das Schimpf-
lexikon des Volkes, die Gesänge
u Gebräuche der Kinderstube -
S.
alles gewinnt nun Bedeutg für
mich. Kan̄st Du mir aus Deiner
reichen Erinnerg einige gute
Literatur ohne Mühe angeben?Zum Tanzen in den Hexenbeichten
erinnere Dich der Tanzepidemien
des Mittelalters. E.'s Louise
war eine solche Tanzhexe; er
ist auch folgerichtig im Ballett
zuerst an sie erin̄ert worden,
daher seine Theaterangst.Zum Fliegen, Schweben gehören Gym-
nastikkunststücke in den hysterischen
Anfällen der Buben. etc.Ich bin einer Idee nahe, als
hätte man in den Perversionen
deren Negativ die Hy ist, einen
Rest eines uralten Sexualcultus
vor sich, der einmal vielleicht
noch im semitischen Orient
(Moloch, Astarte) Religion
war. Denk Dir, daß ich -
S.
eine Szene von Mädchenbeschneidg
bekom̄en habe. Abschneiden eines
Stückes von einem kl Labium
(das heute noch kürzer ist), Auf-
saugen des Blutes, wornach das
Kind das Stückchen Haut zu essen
bekom̄t. Dieses Kind behauptete
einmal mit 13 J, daß es ein Stückchen
von einem Regenwurm schlucken
könne u führte es auch aus. Unter
der so begründeten Haemophilie
hat einmal eine Operation von
Dir gelitten.Die perversen Handlgen sind übrigens
stets die nämlichen, sinnvoll u
nach irgend einem Muster gemacht,
das sich wird erfassen lassen.Ich träume also von einer urältesten
Teufelsreligion, deren Ritus sich
im Geheimen fortsetzt, u begreife
die strenge Therapie der Hexen-
richter. Die Beziehgen wimmeln. -
S.
Ein weiterer Zufluß in das Strombett
leitet sich aus der Erwägg her,
daß es eine Klasse von Leuten
geibt, die noch heute ähnliche
Geschichten wie die Hexen u wie
meine Pat. erzählen, ohne Glaube
zu finden, obwol ihr Glaube
daran nicht zu erschüttern ist.Ich meine, wie Du errathen hast,
die Paranoiker, deren Klagen
man gebe ihnen Koth in die Speisen,
mißhandle sie nachts auf die schänd-
lichste Weise sexuell, etc. der
reine Erin̄erungsinhalt sind.Du weißt, ich habe Er-wahn u Deutungs-
wahn unterschieden. Letzterer
knüpft an die charakterist. Unbestim̄t-
heit betreffs der Übelthäter an,
die ja durch die Abwehr ver-
hüllt werden.Noch ein Detail. Bei der Hy
erkenne ich den Pater an -
S.
den hohen Ansprüchen, die in der Liebe
gestellt werden, an der Demuth vor
dem Geliebten oder dem Nicht heiraten
können wegen unerfüllter Ideale.
Grund natürlich die Hoheit des Vaters,
der sich zum Kind herabläßt. Dazu
vergleiche bei der Paranoia die Combin-
ation von Größenwahn mit Entfremdungs-
dichtg über die Abkunft. Es ist die
Kehrseite der Medaille.Locker wird mir dabei eine bisher
gehegte Vermuthug, daß die Neurosen-
wal durch die Entstehgszeit bedingt
wird, die vielmehr auf die erste
Kindheit fixirt erscheint. Es schwankte
diese Bestim̄ung aber im̄er zwischen
Entstehgszeit u (der jetzt bevorzugten)
Verdränggszeit.In solcher Fülle der Gesichter läßt
es mich ganz kalt, daß das Profess.
Colleg meinen jüngeren Collegen in
der Specialität zum Extraordin vor- -
S.
geschlagen, mich also übergangen hat,
wen̄ die Nachricht wahr ist. Es läßt
mich ganz kalt, wird aber viel-
leicht meinen definitiven Bruch
mit der Universität beschleunigen.Für den Congreß gebe ich mich
durch solche Briefe ganz aus,
werde also lieber anhören, wie
sich Dir die Thatsachen der
Periodicität ordnen u mir
den Unterbau fertig von
Dir holen, anstatt ihn zu
phantasiren.Schreib mir bald wieder.
Die Altersgrenze meine ich jetzt
überschritten zu haben, mein
Befinden ist soviel stabiler.Herzlich für Dich, Frau
u Kind
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
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