• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    9. 6. 98
    Mein theurer Wilhelm

    Herzlichen Dank für Dein schönes
    Bild! Mein Bruder hat die gute
    Bemerkg gemacht, der Photograph
    müsse Dich ken̄en; –  so ist es ja auch,
    wie Du mir gesagt hast. Es wird
    den Ehrenplatz auf meinem Tisch
    bekom̄en, den Du in meiner Freund-
    schaft einnim̄st.

    Eben solchen Dank ferner für
    Deine Kritik. Ich weiß, Du hast da 
    ein undankbares Geschäft auf Dich
    genom̄en. Ich bin verständig zu er-
    ken̄en, daß ich Deine kritische Mit-
    hilfe brauche, weil ich selbst in
    diesem Falle das dem Autor nöthige
    Schamgefühl verloren habe. Der
    Traum ist also verdam̄t. Aber nachdem
    das Urtheil gefällt ist, will ich ihm
    eine Thräne nachweinen u gestehen,
    daß er mir leid thut, u daß ich keinen
    besseren als Ersatz zu finden hoffe.

  • S.

    Du weißt ja, ein schöner Traum u keine 
    Indiscretion – das trifft nicht zusam̄en.
    Schreib mir wenigstens, an welchem
    Thema Du den Anstoß genom̄en
    hast u wo Du den Angriff für von dem
    boshaften Kritiker fürchtest.
    Ob es meine Angst oder Martha
    oder der Dalles oder die Vaterstands-
    losigkeit ist? Damit ich das von Dir
    bezeichnete im Ersatztraum auslassen
    kann, denn ich kan̄ mir solche
    Träume bei mir bestellen.

    Martha u Mathilde sind gestern
    abds abgereist; seither ist es hier öde.
    Das Kind hat 1 1/2 Tage lang gefiebert
    u Beläge gehabt, war dan̄ am Ende
    frisch u übermüthig. Robertchen ist
    übrigens köstlich.

    Mit der Fortsetzg des Traumes
    hapert's. (Ida wird Dir das Wort
    erklären). Ich bin zwar schon bei
    p. 14, aber unmöglich, es so publiciren 
    vielleicht selbst, es einem Anderen
    vorzulegen. Der bloße Vorversuch.

  • S.

    Es ist nämlich die neue Psychologie, soweit
    sie sich auf den Tr bezieht. Hundeschwer
    darzustellen, von Natur aus Fragment 
    u alle die dunklen Partien, die 
    ich mir bisher in Trägheit gelassen,
    verlangen nun nach Aufhellung.
    Ich brauch viel Geduld, frohe Laune
    und einige gute Einfälle. So stecke 
    ich bei dem Verhältniß der zwei
    Denksysteme; ich muß Ernst mit
    ihnen machen. Eine Weile wird wieder
    mit mir nicht zu reden sein. Die
    Span̄ung der Unsicherheit ergiebt
    einen niederträchtig unbehaglichen
    Zustand, den man fast leiblich
    verspürt. 

    Deiner lieben Frau meinen herzlichen
    Dank für ihre Nachtmalsorge, bei mir
    längst durch ähnliches abgelöst. Wenn
    es Dich übrigens diagnostisch interessirt 
    zwischen meinen Migränen u meinen
    Herzschmerzen etc besteht die rührendste
    Vertretungrelation. Ich weiß wieder
    seit Reichenau nicht, ob ich ein Cor besitze,
    dafür habe ich rinnenden Schnupfen

  • S.

    u einen sehr labilen Schädel. Vorher 
    war es umgekehrt. Müßen also beide 
    noch eine Weile halten.

    CF Meyer lese ich mit großem Genuss.
    In „G. Adolf's Pagen" finde ich den Gedanken 
    der Nachträglichkeit 2mal in der von Dir entdeckten Stelle mit dem schlummernden Kuss und in der Episode mit dem Jesuiten, der sich als Lehrer
    bei der kleinen Christine einschleicht. In Innsbruck wird ja die Kapelle gezeigt, wo sie zum Katholizismus übergetreten ist! Sonst aber stehe ich ratlos vor der Willkürlichkeit der Annahme, auf der die Verknotung beruht. Die Ähnlichkeit des Pagen mit dem Lauenburger in Hand und Stimme, an sich so unwahrscheinlich und gar nicht weiter begründet.

    Über die Richterin nächstens ein
    kleiner Aufsatz.
    Herzlichste Grüße
    Dein Sigm