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[Das Original dieses Briefes liegt im Jüdischen Nationalmuseum der Universitätsbibliothek in Jerusalem. Der hier vorliegende Text ist eine Abschrift der Transkription von Gerhard Fichtner (Masson, Hg., 1896)].
26.4.1904
Lieber Wilhelm
Wenn ich Dir nach so langer Unterbrechung wieder schreibe, wirst Du wohl annehmen, daß ich nicht einem Gefühlsimpulse, sondern einem praktischen Motive folge. So ist es auch. Ich möchte, daß wir auf folgendem Wege wieder voneinander erfahren: Einige tüchtige junge Ärzte, die – ich will vor Dir kein Geheimnis machen – meinem Schülerkreise angehören, gedenken demnächst die Herausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu versuchen, die der „biologischen und psychologischen Erforschung der Sexualität" gewidmet sein soll. Sie werden Dich um Mitarbeiterschaft angehen, und ich will, ihnen zuvorkommend, Dich bitten, ihnen Deinen Namen und Deine Beiträge nicht zu versagen. Sie halten den Zeitpunkt für günstig, denn allerorten mehren sich die Zeichen der Zustimmung zu meinen Ansichten. Eine geradezu verblüffende Anerkennung meines Standpunktes fand ich unlängst in einer Buchkritik der Münchener Medizinischen Wochenschrift von Seiten eines offiziellen Psychiaters, Bleuler in Zürich. Denke Dir: ein o.ö. Professor der Psychiatrie und meine bisher mit Abscheu genannten Studien über Hysterie und Traum. Es scheint mir nun gar nicht mehr unmöglich, daß ich noch ein Stück der Wandlung selbst erlebe. An dem posthumen Sieg habe ich ja nie gezweifelt.
Du wirst eine Schrift von Dr. Swoboda erhalten haben, deren intellektueller Urheber ich in mehrfacher Hinsicht bin, obwohl ich ihr Autor nicht sein möchte. Gattung: Gattel. Ich glaube aber, daß ich jetzt auch über besseres Material an Schülern zu verfügen beginne.
Ich bin natürlich so gespannt wie nur je zuvor, welche Aufklärungen Du uns in Deiner nächsten Arbeit schenken wirst.
Mit herzlichem Gruß
Dein Sigm