• S.

    Sonntag 8. Dec 95.

    Theurer Wilhelm

    herzlichen Dank für Deinen Brief u
    alles Liebe, das er enthält. Es
    sind Momente großer Freude für mich
    die mich viel Einsamkeit u Entbehrg
    vergeßen lassen wenn ich Deine Schrift
    wiedersehe. Und überdieß kan̄ ich aus der
    Thatsache aus dem Inhalt des Briefes
    entnehmen, daß es Dir selbst gut geht,
    was eine Bedingg für mich ist, meinen
    Antheil an dem complicierten Leben
    freudig entgegen zu nehmen.

    Das Wochenbett verläuft bei trefflicher
    Pflege ganz ungestört, ja heiter.

    Die Kleine säuft Gärtner'sche Fettmilch
    u soll – ich sehe es kom̄en – allen Anforder-
    ungen befriedigend nachkom̄en.

  • S.

    Das Kind, glauben wir gerne, hat eine
    Steigerung der ärztlichen Beschäftigg
    auf das Doppelte des gewöhnlichen
    Standes gebracht. Ich habe Mühe nachzu-
    kom̄en, kann Unvorteilhaftes
    ablehnen und beginnen, meine Preise
    zu diktiren. Und werde eben sicher
    in der Beurteilg u Behandlg
    der beiden Neurosen, u ich meine
    zu merken, wie die Stadt allmälich
    aufmerksam wird, daß bei mir etwas
    zu holen ist.

    Habe ich Dir schon geschrieben, daß die
    Zw. vorst. in allen Fällen Vorwürfe
    sind, wie der Hyst im̄er ein Conflict
    zu Grunde liegt (der sex Lust mit der
    etwa begleitenden Unlust)? Es ist
    eine neue Form, die klinische Lösg
    auszusprechen. Ich habe jetzt gerade
    schöne Mischfälle von beiden Neurosen
    u hoffe aus ihnen intimere Aufschlüße

     

  • S.

    über den allerwesentlichsten Mechanism
    zu entnehmen.

    Dein Urtheil halte ich im̄er in Ehren,
    auch wen̄ es meiner Psychologie gilt.
    Es macht mir Lust, die Sache in einigen
    Monaten wiederaufzunehmen, dießmal
    mit geduldiger kritischer Kleinarbeit. Du
    kannst bis jetzt auch nichts Besseres über
    sie sagen, als sie verdiene das Lob des
    „voluisse in magnis rebus. Und ich soll
    wirklich für die Stam̄elei die Aufmerk-
    samkeit durch eine vorl. Mitth. rege
    machen? Ich glaube, wir behalten es
    für uns, ob etwas daraus wird. Eventuell
    müßte ich lernen, mich mit der klinischen
    Klärung der Neurosen zu begnügen.

    Für Deine Enthüllgen in der Sexualphysiologie
    kan̄ ich nur gespan̄teste Aufmerksamkeit
    u kritische Bewunderg bereithalten.
    Ich bin zu eng begrenzt in meinem
    Wissen, um dreinzureden. Aber

  • S.

    ahne die schönsten u wichtigsten Dinge
    u hoffe, Du wirst Dich seinerzeit nicht
    abhalten zu lassen, auch Vermuthungen
    offentlichen Ausdruck zu geben. Man
    kan̄ Leute nicht entbehren, die den
    Muth haben, Neues zu denken, ehe
    sie es aufzeigen können.

    Es ginge freilich vieles anders, wenn
    wir nicht durch die geographische Ent-
    fernung getrennt wären.

    Es geht mir wirklich sehr gut. Die Eiterg
    ist auch sehr gering worden.

    Um die Priorität der „psych Constanz"
    stehe ich nicht an. Du hast recht, darunter
    kan̄ sehr verschiedenartiges verstanden
    werden.

    Besuch, ich muß schließen.

    Herzlichste Grüße an Frau u Tochter
    von allen u Deinem
    Sigm