• S.

    15.XI 97

    Theurer Wilhelm

    Noch öfter so einseitige Briefe, sie lassen
    mich die Entfernung vergeßen. Du
    thust damit ja nur was ich im̄er
    gethan habe, schreiben, was Dich erfüllt
    u bei Seite lassen, worauf Du nicht reagiren
    kannst. Unsere Gespräche pflegten ähnlich zu
    sein; jeder begann alternirend
    von dem zu reden, was er zu sagen
    hatte, u fühlte sich zu keiner Beant-
    wortg des Gehörten verpflichtet.

    Meine Fähigkeit, an Deinen Ergebnissen
    Antheil zu nehmen, wächst natürlich
    mit deren Vervollkom̄nung, je mehr
    man in ihnen das Gesetz u die Idee
    durchschim̄ern sieht. An den noch ungedeut-
    eten Zahlen konnte ich Laie nicht das
    finden, was Dir Hoffnung versprach,
    in Deinen heutigen Mittheilungen finde
    ich sogar Anknüpfgen an eigene
    Phantasien mit denen ich einst Deine
    Entdeckgen durchleuchten wollte. 
    (Da 12 als Faktor bei 23 den Faktor 10
    bei 28 vertritt, ersteres  den männl.
    letzteren den weibl. Charakter hat.)
    Wie du Dich erin̄ern wirst, bin ich
    damals auch von der ungefähren

  • S.

    Gleichheit des Produktes.
    12.23 = 10.28 (Tragzeit) ausgegangen
    mit der Differenz freilich, die für
    Dich der Ausgang weiterer Lösg
    geworden ist, wußte ich nichts anzufangen
    Du wirst nicht geglaubt haben, daß ich
    jene Spielereien ernst nahm oder
    solches von Dir erwartete, doch
    erfreut mich die entfernte Ver-
    wandtschaft mit Deinen heutigen
    Resultaten.

    Welche Mühe dazu gehört hat, die That-
    sachen der Beobachtg in der Sprache
    von A u P reden zu lassen kann ich
    ungefährt ahnen. Weitere Ahnungen
    unterdrücke ich sorgfältig; es ist dafür
    gesorgt, daß die Mittheilg der Resultate
    den nichts lehrt, bei dem kein
    Merkzeichen von der vorgängigen
    Geistesarbeit geblieben ist. Ich habe
    die schönste Hoffnung, daß ich bei
    unserem nächsten Zusam̄entreffen
    Dich leicht werde verstehen
    können.

  • S.

    Wenn Du nicht nach Wien kom̄en kannst
    – mir geht es noch im̄er so wenig gut,
    daß ich mich nicht getrauen kann
    zu Weihanchten mehr als 1-1 1/2 Tage
    mich arbeitsfrei zu machen, u Du weißt
    ich bin von philiströser Sparsamkeit
    weit entfernt –, so könten wir in
    Graz, Reirchenau etc uns treffen. Ich setze
    aber meine Vorschläge zurück, da
    ich Dir nicht wie sonst entgegenkom̄en
    kan̄ u warte gern, ob u was du
    möglich gemacht hast. Es wird eine Lebens-
    erleichterg sein, sich auf etwas so Nahes
    freuen zu können.

    Auf welche Seite der Tumor bei M. sitzt,
    werde ich das nächste Mal erfragen.
    Norbert erin̄erte mich bei meinem letzten
    Besuch lebhaft an Ramses II, den sie
    vor einigen Jahren auf in persona aufge-
    fundenhaben. Er scheint aber geistig
    geweckt, schaut ordentlich herum u hat
    ja noch Zeit sich zu verschönern, bis
    ein paar weibliche Schübe über ihn
    kom̄en.

    Bei mir ist alles wol. Mathilde hat
    eine kurze Jugend, wächst rapid, wird
    in Character unAusdruck ganz weiblich

  • S.

    hat auch schon die ersten Zeichen der Pubertät.

    Die Geburtsdaten der Familie lege ich
    Dir bei. Du wirst sie nicht brauchen
    können. Dank der jüdischen Zeitrechng
    sind die Zahlen für die Geburt meiner
    Mutter, die für Martha u Minna
    unsicher. Die Frauen behaupten, daß man
    von Mama in Meran auch sichere jüdische
    Daten nicht erwarten kann, u wollten
    ihr auch nicht schreiben, obwol ich es
    Dir versprochen hatte. Sie sind überhpt
    ungünstig disponirt für alles, was in
    die Geheimniße des Werdens eindringen
    will, für Deine wie für meine
    Angelegenheiten.

    Nun wünsche ich mir nach kurzer
    Zeit Nachricht von Dir mit eben
    so guten Nachrichten über Deine
    Arbeit u die Deinigen. Nach
    Deinem eigenen Befinden bin ich
    z. Glück abgewöhnt zu fragen.
    Herzlichst
    Dein Sigm

     

    [Beilage zu Freuds Brief vom 15. XI.97]

    Kinder der Familie Freud

    a) von Anna (Bernays):
    1. Ditha - 14. Februar 1885
    2. Lucie - 24. August 1886
    3. Edward - 22. November 1891
    4. Hella - 15. Januar 1893
    5. Martha - 13. September 1894

    b) von Rosa (Graf):
    Herman[n] - 13. Juli 1897

    c) von Marie (Freud):
    1. Grethe - 4. August 1887
    2. Lilli - 22. November 1888
    3. Martha - 17. November 1892