• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.

    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    23.2.98

    Theurer Wilhelm

    Unterbrechungen in Deinen Briefen
    wirken auf mich zweimal verstim̄end,
    erstens weil mir dann der Andere
    noch mehr fehlt als sonst, zweitens
    weil ich dann eine böse Ursache
    vermuthe. Daß Dein diesmaliges
    Stillschweigen doppelt determinirt
    war, wußte ich allerdings nicht.

    Ich danke Dir für die Lektüre u Rück-
    sendg der Δρ, in denen ich jetzt meine
    Neuigkeiten deponire. Um nicht ganz
    leer zum Ostercongreß zu kom̄en,
    nicht im̄er der Empfangende zu sein,
    werde ich die etwa nachfolgenden
    Blätter aufspeichern. Ich glaube 
    Großes wird vor Ostern nicht
    mehr vorkom̄en. Dazu bin ich ein
    bischen zu matt. Die Praxis hat

  • S.

    sich endlich auch gehoben; ich bin
    müder als in früheren Jahren, wo
    ich durch Arbeit überhaupt nicht zu
    ermüden war.

    Anbei der „Gartenlauben"artikel,
    über den Du gefälligst mir nichts
    schreiben wirst.

    Vom Traumbuch stehen schon
    einige Kapitel, es wird hübsch u 
    führt mich noch tiefer in die
    Psychologie als ich gemeint. Alle
    neuen Ansätze sind am philosoph 
    Ende, am organisch-sexuellen ist
    gar nichts gekom̄en.

    Die Kinder gedeihen. Annerl hat
    unlängst sich beklagt, daß Mathilde
    alle Äpfel gegessen hat u verlangt,
    daß man ihr den Bauch aufschneide
    wie dem Wolf (im Märchen von
    den Zicklein) Das Kind entwickelt
    sich reizend.

    Baldigste Besserg
    ​​​​​​​Euch beiden
    Dein Sigm