• S.

    Wien 3 Okt 97

    Theurer Wilhelm

    Mein Besuch hat den Vortheil gebracht,
    daß Du mir wieder Einzelheiten mittheilen
    kannst, seitdem ich den Rahmen des gegen-
    wärtigen Ganzen kenne. Nicht auf alles
    darfst Du Antwort erwarten, und bei
    manchen Antworten wirst Du, hoffe ich, meine
    eigene Fremdheit u Urtheils­schwäche in
    Deinen Dingen nicht außer Rechnung
    lassen. Doch danke ich Dir jedesmal
    für jedes kleine Stückchen, das Du
    so uneigennützig zu mir gelangen
    läßest. ZB die Bemerkgen über den
    Zusam̄en­hang von Infection u Conception
    bei Mutter u Tochter sind mir höchst
    bedeutsam erschienen, weil diese ja
    nur durch eine Bedingg im ewigen Leben
    des Keimplasmas, nicht durch eine solche
    im Einzel­leben erklärt werden können,
    weil sie also von der absoluten Zeit 
    nicht von der Lebenszeit abhängen müßen.
    Es ist mir dann eingefallen, daß dieß 
    doch nicht nothwendig ist. Wenn die
    Infektion bei der Mutter durch eine
    Zeiterfüllg von der Formel a.28 + b.23
    gegeben ist und die Conception bei
    der Tochter durch einen ähnlichen Aus-
    druck, so muß auch die Differenz

  • S.

    beider wieder eine ähnliche Formel
    ergeben, ohne daß zwischen Infection
    hier u Conception dort eine besondere
    Bezie­hg zu bestehen brauchte. Ob
    dieß ein Unsinn ist, kann ich nicht
    über­sehen.– Ich müßte dazu Deine
    „zeitliche Disposition“ schon kennen. 

    Bei mir geht äußerlich noch sehr
    wenig vor, innerlich etwas sehr in­ter-
    essantes. Seit 4 Tagen hat sich meine
    Selbstanalyse, die ich für unentbehrlich
    halte zur Aufklärg des ganzen Problems,
    in Träumen fortgesetzt und mir
    wertvollste Aufschlüße und Anhaltspunkte
    erge­ben. An einzelnen Stellen habe ich
    die Empfindg am Ende zu sein u bisher
    wußte ich auch im̄er, wo die nächste
    Traumnacht fortset­zen wird. Schwieriger
    als alles andere ist mir davon
    die schriftliche Darstellung, auch viel
    zu weitläufig. Ich kann nur andeuten 
    daß bei mir der Alte keine aktive
    Rolle spielt, daß ich aber wol einen
    Analo­gieschluß von mir auf ihn gerichtet
    habe, daß meine „Urheberin" ein
    häßliches, älteres, aber kluges Weib
    mir, das mir viel vom lieben
    Gott u von der Hölle erzählt,

  • S.

    und mir eine hohe Meinung von meinen
    eigenen Fähigkeiten beigebracht hat;
    daß später (zw 2 u 2 1/2 J) meine Libido
    gegen matrem erwacht ist und zwar
    aus Anlaß der Reise mit ihr von
    Leipzig nach Wien, auf welcher ein gemein-
    sames Übernachten u Gelegenheit sie
    nudam zu sehen, vorgefallen sein muß
    (Du hast für Deinen Sohn daraus
    die Consequenz längst ge­zogen, wie
    mir eine Bemerkg verrathen hat);
    daß ich meinen 1 J. jüngeren Bruder
    (der mit wenigen Monaten gestorben)
    mit bösen Wünschen u echter Kinder-
    eifersucht begrüßt hatte, u daß von
    seinem Tod der Keim zu Vorwürfen
    in mir geblieben ist. Auch den Genossen
    meiner Unthaten zw 1-2 J. kenne ich
    längst, es ist ein um 1 J. älterer Neffe 
    jetzt in Manchester, der als ich 14 J war 
    uns in Wien besuchte. Mit der um
    1 J jüngeren Nichte schei­nen wir
    beide gelegentlich grausam umge-
    gangen zu sein. Dieser Neffe u dieser
    jüngere Bruder bestim̄en nun das
    Neurotische, aber auch das Intensive
    an allen meinen Freundschaften. 
    Meine Reiseangst hast Du noch
    selbst in Blüte gesehen. 

    Von den Szenen selbst, die der Geschichte
    zu Grunde liegen, habe ich noch nichts

  • S.

    erfaßt. Kom̄en die auch u gelingt
    mir die Lösg der eigenen Hy,
    so werde ich dem Andenken des
    alten Weibes dankbar sein, das
    mir in so früher Lebenszeit die
    Mittel zum Leben u Weiterleben
    vorbereitet hat. Du siehst die alte
    Neigg schlägt heute wieder durch.
    Von der Intellekt Schönheit der Arbeit
    kann ich Dir eine Vorstellg nicht
    verschaffen. –

    Die Kinder kom̄en morgen früh.
    Das Geschäft geht noch sehr elend.
    Ich fürchte, wen̄ es stärker geht, kann
    es der Selbstanalyse hindernd in
    den Weg treten. Meine Einsicht,
    daß die Behandlgsschwierigkei­ten daher
    rühren, daß man endlich die bösen
    Neigungen des Pat, seinen Willen
    krank zu bleiben, freilegt, stärkt
    u klärt sich. Wir wollen weiter sehen. 

    Ich grüße Dich u Deine kleine
    Familie herzlich u hoffe bald
    wie­der Brocken von Deinem
    ​​​​​​​Tisch zu erhalten 
    Dein Sigm

  • S.

    4 0kt. Die Kinder sind angekm̄en.
    Das schöne Wetter ist um. Der heutige
    Traum hat unter den merkwürdigsten
    Maskierungen folgendes gebracht. 

    Sie war meine Lehrerin in sex. Dingen
    u hat geschimpft weil ich ungeschickt war,
    nichts gekonnt habe (die neurot. Impotenz 
    geht im̄er so zu) (die Angst vor dem
    Nichtskönnen in der Schule bekom̄t
    auf diese Weise ihren sex. Unter-
    grund). Ich sah dabei einen kleinen Thier-
    schädel, zu dem ich „Schwein" im Traum
    dachte, wo aber sich in der Analyse
    anreihte Dein Wunsch vor 2 J. ich 
    möchte auf dem Lido einen mich auf-
    klärenden Schädel finden wie einst 
    Goethe. Ich fand ihn aber nicht. Also
    „ein kleiner Schafskopf". Der ganze
    Traum war voll der kränkendsten
    Anspielgunen auf mein heutiges 
    Unvermögen als Therapeut. Die Neigg 
    an die Unheilbarkeit der Hy zu
    glauben, fängt vielleicht hier an. 
    Außerdem hat sie mich mit rötlichem 
    Wasser gewaschen, in dem sie sich
    früher gewaschen hatte (Deutung nicht
    schwer; ich finde in meiner Erin̄ergskette
    nichts ähnliches, halte dies also für
    echten alten Fund); und mich

  • S.

    veranlaßt, „Zehner" (10kr Stücke) wegzu-
    nehmen, um sie ihr zu geben. Von
    diesen ersten silbernen Zehnern bis
    zu dem Haufen papierner Zehngulden 
    die ich im Traum als Wochengeld für
    Martha sah, reicht eine lange Kette 

    Der Traum ließ sich zusam̄enfassen als
    „schlechte Behandlung". So wie die Alte 
    für ihre schlechte Behandlg Geld
    von mir bekam, so bekom̄e ich 
    heute Geld für die schlechte Behandlg
    meiner Patienten. Die Rosaneo 
    von der Du mir jene Äußerg hinter-
    bracht hast, von der ich als Frau eines
    Collegen nichts nehmen sollte
    (er hat natürlich eine Bedingg daraus
    gemacht) spielte eine besondere
    Rolle. 

    Ein harter Kritiker könnte auf
    alles sagen, es sei nach rückwärts
    phantasirt, anstatt nach vorne
    bedingt. Die exp crucis müßen
    gegen ihn entscheiden. Das rötliche
    Wasser scheint schon solcher Art zu
    sein. Woher bei allen Pat. die
    entsetzlichen perversen Details,
    die oft ihrem Erleben ebenso
    ferne sind wie ihrer Kenntniß?