• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    4 Okt 99
    Theurer Wilhelm

    Deine Rechtfertigg ist unantastbar; ich
    klagte, aber ohne Vorwurf: Ich weiß
    sehr wol, wie Du mir bis dahin Alles
    anzudeuten pflegtest, was meinem Ver-
    ständniß doch schon große Schwierigkeiten
    bereitete. Du schreibst nun von großen 
    sehr großen Dingen, auf deren Rang
    ich aber bereits vorbereitet bin,
    zu denen ich ein persönliches Verhältniß 
    behalten werde, auch wenn ich nicht
    wie Du beim Traum Gevatter stehen
    kann, sondern nur nach Nestroy`s Wort
    den „Vetter einer welthistorischen
    Begebenheit" von ferne spiele. Dein
    Triumph wird schließlich ein Stück
    weit meiner sein, denn mein Urtheil
    ist Dir und Deinen Arbeiten gefolg, 
    Du weißt, es folgten damals nicht viele
    andere. 

    Aber ich frage Dich verwundert, ob Du
    so schnell fertig geworden bist, daß
    Dein Anonymus mit meinem Traumbuch

  • S.

    gleichzeitig an's Licht treten kann.
    Ich rechne nämlich auf höchstens zwei
    Wochen; zu Deinem Geburtstage sollst
    Du den Band auf dem Tische finden.
    Ich habe nur noch einige dritte Cor-
    recturen zu lesen, etwa ein Drittheil
    des Ganzen. Vielleicht hast Du's nicht
    so frühe vermuthet, aber ich habe
    leider sehr viel Zeit. Ich bin so unbe-
    schäftigt, daß ich jeden Bogen un-
    mittelbar erledigen kann.

    Die schmerzliche Empfindung des von 
    sich Gebens, was einem allein 
    zu eigen war, schilderst Du treffend.
    Die war es wol auch, die mir das
    Werk so verleidet hat. Seitdem
    gefällt es mir, gewiß nicht gut, aber
    weit besser. Ich mußte es noch peinlicher
    verspüren, da es nicht Gedanken-  
    sondern Gefühlseigentum war, was
    sich loslöste. Zur Hysterie ist es nun
    weit. In Zeiten wie diesen regt sich
    in mir keine Arbeitslust.

  • S.

    Mein Sohn Martin dichtet jetzt nicht. Ich
    glaube, ich habe Dir seine Äußerung
    aus B. berichtet: Ich glaube eigentlich
    nicht, daß meine sogenan̄ten Gedichte
    wirklich schön sind. Dieser Ausspruch
    bezeichnete eine Abwendung von
    der bisherigen Schaffensperiode. Er ist
    jetzt ziemlich rathlos u gedrückt, da
    er in die te Volksschulklasse geschickt
    wurde, wo die ihm mangelnden praktischen
    Lebenstüchtigkeiten sich bemerkbar machen.
    Er hat seinen Nebensitzenden, um Be-
    kan̄tschaft zu schließen, gefragt, wie er
    heiße. Der antwortete: Marie, und
    ein anderer stellte sich vor: Minna.
    Da muß ihm die erste Ahnung gekom̄en
    sein, wie schwer es sein mag, mit dem
    „Nebenmenchen" auszukom̄en.

    Leben – u Krankheit sind wieder eingezogen.
    Das erste Opfer – Ernst – ist aber wieder
    erholt. Die anderen sind noch wol.
    Meine Stim̄ung hält sich noch tapfer,
    das Datum des nächsten Zusam̄enbruches
    theile ich Dir dan̄ für Deine Berech-
    nungen mit. Es sind das wirklich

  • S.

    primäre periodische Schwankungen, denn
    2 Wochen Unthätigkeit und 1/5 Erwerb
    - 1/4 reichten als äußere Ätiologie schon
    hin.

    Dein Schwager Oscar, dem ich auf Verlangen
    einige Bogen gegeben, hat die Reihe
    der Kritiker eröffnet. Er hat die
    „ernstesten Bedenken" gegen die Publikation.
    Ich denke, dießmal wollen wir Urtheile
    sam̄eln.

    Als Geheimniß kann ich Dir mittheilen,
    daß Gretel Breuer wirklich mit 
    Arthur Schiff verlobt worden ist.
    Ich habe es in einer Behandlungsstunde
    erfahren u muß es darum als Geheimniß 
    bewahren, wozu ich sonst keinen Anlaß
    wüßte.

    Herzlichsten Gruß für
    Dich, Frau u Kinder u Glückauf
    für alle Erwartungen dieses Jahres.
    Dein Sigm