• S.

    Wien 26.4.96.
    Teurer Wilhelm

    Du hast lange nicht geschrieben u da geht 
    es Dir entweder so gut, daß Du 
    sehr viel arbeiten kannst, oder echt 
    schlecht, u diese Unsicherheit der Deutung 
    verstört mir sehr die Gegenwart. Wissen-
    schaftlicht bin ich seit dem Congreß zwar 
    entladen, aber persönlich wäre mir ein 
    nächster sofort wieder Bedürfniß. 

    Ich habe eine etwas blöde Zeit
    hinter mir, 

    28/4 in der doch Einiges sich
    ereignet hat, was auch in Zusam̄en-
    lange mit meinem Schweigen steht. 
    Es zieht sich nur so langen hin, daß ich 
    Dich nicht auf die Vollendg warten 
    lassen will. Zunächst mit der Eckstein. 
    Ich werde Dir nachweisen können,
    daß Du Recht hast, daß ihre Blutungen
    hysterisch waren, aus Sehnsucht erfolgt ​​​​​​​

  • S.

    sind u wahrscheinlich zu Sexualterminen.
    (Das Frauenzimmer hat mir aus Widerstand
    die Daten noch nicht besorgt). 

    Ferner habe ich mich in das Problem
    der Neuronenbewegung geradezu verbohrt
    u bin nach den unglaublichsten Versuchen 
    von Deinen chemischen Theorien angeregt 
    auf eine gleichfalls chemische Auffassg
    gekom̄en, die mir Vertrauen einflößt.
    Sobald die Geschichte zusam̄engeht,
    sollst Du sie haben. Wann das sein
    wird, weiß ich freilich nicht. 

    Zu den Terminsachen habe ich noch
    nichts beibringen können. Du
    wirst auch kaum etwas erwartet
    haben. Deine Isolirgsrathschläge
    habe ich am vollständigsten von
    allen befolgt. (Es erinnert dieß 
    an die Anekdote, wie der Arzt
    dem alten Schlemmer sagt: Lieber
    Freund, jetzt ist es nichts mehr mit
    Wein, Weib und Gesang, und

  • S.

    der zur Antwort giebt, Gut, werd' ich
    nicht mehr singen). Ich habe Breuer
    noch nicht gesehen u mir das Schimpfen
    ganz abgewöhnt. Ein Vortrag über
    Aetiologie der Hysterie im Psych. V. 
    fand bei den Eseln eine eisige
    Aufnahme u von Krafft-Ebing die
    seltsame Beurtheilg: Es klingt
    wie ein wissensch Märchen. Und
    dieß, nachdem man ihnen die Lösg
    eines mehrtausendjährigen Problems,
    ein caput Nili aufgezeigt hat. 

    Sie können mich Alle gern haben,
    euphemistisch ausgedrückt.

    Annerl hat heute beschwerdefrei
    den ersten Zahn produzirt, Mathilde
    geht es unvergleichlich besser, seitdem
    sie aus der Schule genom̄en ist.
    Oliver hat unlängst auf einem Frühlings-
    ausflug ernsthaft gefragt, warum
    der Kuckuck im̄er seinen eigenen
    Namen fruft. Ich hoffe, RobertWilh ​​​​​​​

  • S.

    wird frühzeitig hinter das Geheimniß
    der Namengebung kommen. 

    Meine französ Arbeit hast Du
    wol bekom̄en. Die deutsche erscheint
    doch hoffentlich in den ersten
    Maitagen. 

    Sei mir herzlich gegrüßt u 
    theil mir baldigst mit, daß Du
    keinen Kopfschmerz gehabt hast.
    Wen̄ ich über dieses Thema sowenig
    schreibe, so ist das Bewusstsein
    meiner Hilflosigkeit schuld.
    Deine Liebe Grau soll auch
    ​​​​​​​nicht ganz an uns vergessen. 
    Dein Sigm