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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.20. 6. 98
Theurer WilhelmZur Revanche eine Kleinigkeiten
für Dich. Martin hat sein Nasenbluten
genau am 28sten Tag wiederbekom̄en,
wie mir Martha erzählt. Ich werde
auch interessant. Mein Kopf u Dein Kopf
sind offenbar, auch wen̄ labil,
zwei sehr verschiedene Köpfe, denn
meiner hat mich trotz aller Labilität
nicht gehindert eine sehr gute Zeit
zu haben. Ich kan̄ aber etwas, was
Du nicht kannst, die Kopf- oder Herz-
schmerzen durch lächerliche Kreuzschmerzen
ersetzen, die den Herzschmerzen täuschend
ähnlich unter den nämlichen kleinen
Bedingungen auftreten, stechen u brennen
u sich in einige Hautbezirke der Beine
verziehen, wie die Herzschmerzen in den
linken Arm. Der Tausch ist doch ein
sehr guter. -
S.
Ich bin heute früh von Aussee zurück
gekom̄en, wo ich mein armes Volk
verschnupft u erfroren getroffen habe.
Sie wollen trotz aller Schönheit nicht
wieder nach Aussee. Ich finde hier
noch ausgiebige Beschäftigg bis Ende
dieses Monats.Die Trauer um den verlorenen Traum
ist noch nicht zu Ende. Wie zumTrotz
war unlängst ein Ersatztraum, in dem
ein aus Bausteinen erbautes Haus
zusam̄enstürzte („Wir hatten gebauet
ein staatliches Haus"), der also
wegen dieser Beziehung nicht zu brauchen
war.Die Richterin
Kein Zweifel, daß es sich um die poetische
Abwehr der Er an ein Verhältniß
mit der Schwester handelt. Merk-
würdig nur, daß diese genau so ge-
schieht wie in der Neurose. Alle Neurotiker
bilden den sog. Familienroman,
(der in der Paranoia bewußt wird)
der einerseits dem Größenbedürfniß -
S.
dient, andererseits der Abwehr des
Incestes. Wenn die Schwester nicht das
Kind der Mutter ist, so ist man ja
des Vorwurfes ledig. (Ebenso wen̄ man
selbst das Kind anderer Leute ist). Woher
nin̄t man nun das Material von Untreue
illegitimem Kind udgl, um diesen Roman
zu bilden? Gewöhnlich aus dem niedrig-
eren socialen Kreis der Dienstmädchen.
Dort kom̄t dgl so häufig vor, daß man
nie um Material verlegen ist, u hat
besonderen Anlaß dazu, wenn die
Verführerin selbst eine dienende
Person war. In allen Analysen bekom̄t
man darum dieselbe Geschichte zweimal
zu hören, einmal als Phantasie auf
die Mutter, das zweite als wirkliche
Er von der Magd. So erklärt sich, daß
in der Richterin, die ja die Mutter ist
dieselbe Geschichte unverändert zweimal
erscheint, was als Composition kaum
eine gute Leistung wäre. Herrin u
Dienerin liegen am Ende entseelt
neben einander. Die Magd geht am Ende -
S.
vom Hause fort, der gewöhnl Ausgang
von Dienstbotengeschichten, aber auch
die Buße der Dienerin in der Novelle.
Außerdem dient dieses Stück des Romans
zur Rache gegen die gestrenge Frau
Mama, die einen etwa beim Verkehr
überrascht u ausgezankt hat. Im Roman
wie in der Novelle wird die Mutter
überrascht u gerichtet bloßgestellt.
Das Wegnehmen des Horns ist ein echt
kindlicher Klagepunkt, das Wiederfinden
eine geradezu kindische Wunscherfüllg.
Der Zustand der Schwester, die Anorexie
geradezu die neurotische Folge des
Kinderverkehrs, nur ist es in der Novelle
nicht Schuld des Bruders, sondern der
Mutter. Gift entspricht paranoisch
genau der Anorexie der Hysterie, also
der unter den Kindern gebräuchlichsten
Perversion. Sogar der „Schlag" spukt darin
(die Angst vor dem Schlag als Phobie
bedeutet Kinderschläge) Die Rauferei,
die in einer Kinderliebe nie fehlt, -
S.
ist auch in der Novelle durch das an die
Felsen schleudern der Schwester dargestellt,
geschieht aber als Gegensatz aus Tugend,
weil die Kleine zu zudringlich ist.
Der Herr Lehrer spielt mit der Person
des Alcuin hinein. Der Vater winkt
als Kaiser Karl in seiner dem Kinder-
treiben fernen Größe u in anderer
Incarnation als der, dem die Mutter
das Leben vergiftet hat und den der
Familienroman regelmäßig beseitigt,
weil er dem Sohn im Weg steht. (Wunsch-
traum vom Tod des Vaters). Zwistig-
keiten zwischen den Eltern sind das frucht-
barste Material für die Kinder-
romane. Die Erbitterung gegen die Mutter
macht sie in der Novelle zur Stief-
mutter. Also in jedem einzelnen Zug
identisch mit einem der Rache- und
Entlastungsromane, den meine Hy
gegen ihre Mutter dichten, wen̄ sie
Knaben sind. -
S.
Mit der Psychologie geht es seltsam,
sie ist fast fertig, wie im Traum
componirt u sicher in der Form nicht
zur Publikation geeignet, auch nicht
dazu bestim̄t, wie der Stil zeigt. Ich
stehe ihr sehr zaghaft gegenüber.
Alle Motive für sie liegen in der
Neurosen-, nicht in der Traumarbeit.
Ich werde vor den Ferien nichts Definitives
mehr machen.Der Som̄er wird bald sehr langweilig
werden. Laß mich bald von Dir u
Deiner Familie hören. Vor den
25, 600 Jahren hat mir tüchtig
gegraut.
Herzlichst
Dein Sigm
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