• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    24. 3. 98
    Theurer Wilhelm

    Du wirst darauf gefaßt sein, daß ich Dir
    heute von Deinem Urtheil über mein
    Tr Manuscr schreibe, welches mir einen guten
    Tag verschafft hat. Du willst wol nicht, daß
    ich Dich irgendwie mit Breuer vergleiche;
    mir drängt sich ein solcher Vergleich auf
    u ich muß der Hinterhältigkeit gedenken 
    mit der das Lob gespendet wurde: zB. der
    Stil ist wunderbar, die geistreichsten Einfälle,
    und die Rücksicht, welche ihn dann die nörgel-
    haften Einwände gegen das Wesentliche
    zu Anderen äußern ließ, von denen
    ich es dann erfuhr. Ich bin im̄er wieder
    froh, daß ich ihn los bin.

    Deine Einwendgen kann ich glücklicher Weise
    durch den Hinweis auf die späteren Ab-
    schnitte beantworten. Ich bin eben vor
    einem solchen stehen geblieben, welcher
    die somatischen Reize für den Traum
    behandelt. Dabei wird auch der Angsttr 
    berührt werden, auf den im letzten
    Abschnitt „Tr u Neurose" neuerdings Licht
    fallen soll. In die Darstellung, die

  • S.

    Du gelesen, werden aber Verweisungen
    aufgenom̄en werden, damit Dein Eindruck 
    daß sich der Autor hier die Arbeit zu leicht
    mache, vermieden wird.

    Ich denke mir diese Redaktion überhpt
    nicht als definitive. Ich will zuerst mein
    Eigentum in Form gebracht haben, dann
    die Literatur eingehend studiren u 
    nachher einschalten oder umarbeiten, wozu
    diese Lektüre Anlaß geboten hat. Ich
    kan̄ nicht lesen, ehe ich selbst nicht fertig
    bin, u kann nur beim Schreiben
    in's Detail componiren. Bis jetzt sind
    weitere 24 Seiten fertig; aber so amüsant
    oder so gerundet wie das von Dir
    Gelesene wird wol keine andere
    Partie.

    Über vieles einzelne hoffe ich von Dir
    mündlich zu hören. Du sollst mir
    die Pflichten des ersten Publikums
    und obersten Richters nicht verweigern.
    Die Bemerkg über die Migrainetr möchte
    ich mir aneignen, ich kenne solche aus
    eigener Erfahrung nicht u hätte sie
    darum übergangen.

  • S.

    Unter solchen Umständen gewinnt unser
    Congreß zu Ostern noch höheren Werth
    für mich, u ich höre gern, daß Du die
    Idee festhältst. Wenn sich damit die
    klägliche Sehnsucht nach Natur u jungem
    Grün bei mir vereinen läßt, giebt es
    eine Wunscherfüllung mehr. Ich weiß
    aber, daß Alles vom Zustande Deiner
    lieben Frau abhängt, u im Falle, daß
    sie Dich nicht gerne entbehrt, wen̄ doch
    nicht mitreisen kann, werde ich natürlich
    verzichten. Es sind noch 3 Wochen bis
    dahin, ich darf ja wol die gründlichste
    Veränderg von diesem Intervall er-
    warten.

    Bei mir hat sich die weibliche Kinderschaft
    Mathilde, Sophie, Anna mit Influenza
    in den Krankenstand begeben. Die
    Buben halten noch aus. Mathilde ist
    im̄er unheimlich, wenn sie mit Drüsen-
    schwellungen beginnt, sie hat sonst
    nichts. Wen̄ Ida wol wird, möchte ich
    im Mai einen PIan mit Martha u 
    Mathilde zur Ausführg bringen. Da
    jetzt meine Schwester Marie in Berlin
    wohnt, dürfen sie Euer Gastzim̄er
    nicht in Anspruch nehmen.

  • S.

    Martin hat unlängst in einem Gedicht
    die Verführg der Gans durch den Fuchs
    geschildert. Die Liebeswerbung darin lautet:

    Ich liebe Dich, 
    herzinniglich,
    kom̄, küsse mich,
    Du könntest mir von allen
    Thieren am besten gefallen.

    Findest Du die Form nicht bemerkenswert? G
    elegentlich macht er Verse, die sein
    Auditorium empören, z. B.

    Der Fuchsvater sagt: Wir gehen nach Aussee,
    Darauf freuen sich die Kinder u trinken Café.

    Zur Beschwichtigung sagt er dann: Das ist nur
    wie Gesichterschneiden, wenn ich solche
    Sachen dichte.

    Und Robert Wilhelm? Bringt Ihr
    ihn mit, wenn Ihr nach Wien kom̄t?
    Auf die besten Nachrichten
    wartet Dein Sigm