• S.

    Wien, 29.9.96
    Theurer Wilhelm

    Ich hoffe Dich mit Weib u Sohn
    wieder aufs behaglichste in die 
    schönen Räume von der Hstr. eingefügt
    und emsig an der Beobachtg u 
    Berechng neuer Perioden a 28 u 
    23, Ida gelegentlich leise fluchend
    über 6 fremde Kinder u Robert
    stets eifrig, Neues zu enthüllen.
    Ich schreibe Dir erst heute, weil
    eine Influenza mit Fieber, Eiter
    u Herzbeschwerden mein Wolbe-
    finden plötzlich gebrochen hat, so
    daß mir erst heute wieder
    etwas von möglicher Gesundheit
    ahnt. Ich möchte so gerne bis zur
    berühmten Altersgrenze ca:51 
    aushalten, u ein Tag war dabei, 
    der mir's nicht wahrscheinlich
    machte. Die Infektion erhaschte
    mich am letzten kritischen

  • S.

    Termin 264/9, so daß ich am 275 heiser
    u luftlos war, gleichzeitig legte
    sich Martin mit einer Angina.
    Jetzt aber athme ich wieder auf.

    Sonntag mußte ich zur Tochter
    eines Collegen nach Oderberg, wo
    ich Dir also näher war als sonst.
    Dieser Constellation schreibe ich
    es zu, daß ich eine glänzende
    Diagnose machte u den Fall als
    Erb-Goldflam'sche Krankheit erkannte
    – Ptosis, Ophthalmoplegie bei intakten
    Pupillen, Gaumen-Schlinglähmung,
    Vagusparese, Stim̄bandschwäche, Erstickgs-
    anfälle, Schluckpneumonie, großer
    Wechsel in der Intensität der Er-
    scheingen. Einige Besonderheiten 
    Die Ptosis mit 4 J! aufgetreten,  
    die Opthalmoplegie allmälich bis 13, 
    die Vagus-Accessoriussymptome erst
    seit Publertät bis jetzt (15 J.).

  • S.

    Dan̄ aber schloss ich weiter, diese
    E-G.-Afektion müßte zur Gruppe von 
    Wachsthumsorganleiden gehören, deren 
    Typen in Constitutionen aus laufend
    Deinen Augen eben jetzt vor-
    schweben (Myxoedem, M. Basedowii, Akro-
    megalie). Besonderes Geschau des
    Kindes, breites Nasenzwischenstück,
    leiichtes Schnurrbärtchen, große Körper-
    länge; Schilddrüse trotz der Pubertäts-
    jahre nicht sicher tastbar. Die Mutter 
    dasselbe Gesicht, Strabismus. Die
    Kinderbilder von Geschwistern erin̄ern 
    geradezu an Myxoedem. Irgend
    eine Ahng weist mich auf Dein 
    cephalisches Sexualorgan, dem ich
    große Verehrg zolle. Ich habe 
    vorgeschlagen das Kind nach Wien
    zu bringen u Organtherapie
    zu versuchen. Was sagst Du?

    Was macht Dein Buch?

    Heute hörte ich, ein Universitätscollege
    habe ein Consilium mit mir mit 

  • S.

    der Motivirung abgelehnt ich sei nicht
    ernst zu nehmen. Ich bin aber so
    gefestigt durch meinen Urlaub, daß 
    ich gar nichts dabei verspürte. Vor
    2 Monaten hätte es mich 2 Tage lang
    elend gemacht. Die Frau meines
    Freundes Rosanes habe ich in Cur
    genom̄en u wieder gesehen, wie
    in der Hysterie Alles klappt u 
    stim̄t, daß es eine helle Freude ist.

    Hehn u Italien war ein Entzücken
    für die Frauen u für mich.

    Von Oscar u Mela in Folge der
    Zwischenfälle bis jetzt nichts gesehen 
    besuche Deine Leute sofort, wenn sie
    in der Stadt sind. Mein Vater
    liegt wol auf dem letzten Bett, er
    ist zeitweise verworren u schrumpft
    stetig ein bis zu einer Pneumonie
    und einem großen Termin.

    Mit allerherzlichstem Gruß
    Dein Sigm