• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    14.XI.97
    Teurer Wilhelm

    „Es war also am 12 Nov 97; die Sonne stand
    eben im östlichen Winkel, Mercur und
    Venus in Conjunction –",  Nein so
    fängt heute keine Geburtsanzeige
    mehr an. Es war am 12 Nov, einem von
    linkss. Migraine beherrschten Tag 
    an dessen Nachmittag Martin sich nieder-
    setzte, um ein neues Gedicht zu
    schreiben x),  an dessen Abend Oli
    seinen zweiten Zahn verlorxx), daß mir nach
    den greulichen Wehen der letzten
    Wochen ein neues Stück Erken̄t-
    nie geboren wurde. Nicht ganz neu in
    Wahrheit, es hatte sich schon wiederholt
    gezeigt u wieder zurückgezogenxxx), aber
    dießmal blieb es und erblickte das Licht.

    x) Ich habe es nicht erfahren wollen. Es scheint, daß 
    ihm die poetischen Mandeln beschnitten worden
    sind. xx) Der erste wurde in der That am 9 Nov. 
    abds von der Kinderfrau gezogen, hätte sich
    vielleicht bis zum 10ten gehalten. xxx) Lauter
    lange Kerls für S.Maj. le roi de Prusse.

  • S.

    Komischer Weise ahne ich solche Ereigniße
    eine gute Weile vorher. So schrieb ich
    Dir einmal im Som̄er, ich werde die
    Quelle der normalen Sexualverdrängg
    (Moral, Scham etc) finden u fand sie
    dann lange nicht. Vor den Ferien fiel
    die Äußerg, der wichtigste Patient
    sei für mich meine eigene Person,
    u nach der Ferienreise ging dann
    plötzlich die Selbstanalyse los, von der
    damals keine Spur zu sehen war.
    Vor wenigen Wochen war der Wunsch 
    jetzt die Verdrängg durch das Wesent-
    liche hinter ihr, ersetzt zu wissen u 
    darum handelt es sich jetzt.

    Daß bei der Verdrängg etwas Organisches
    mitwirkt, habe ich oft geahnt, daß es sich um
    die Auflassg von ehemaligen Sexualzonen
    handelt, kon̄te ich Dir schon einmal erzählen
    u beifügen, daß ich zu meinem Vergnügen
    eine solche Idee auch bei Moll angetroffen.
    (Die Priorität des Einfalls trete ich privatim
    niemandem ab; bei mir hatte sich die Ver-
    muthg an die veränderte Rolle der Geruchs-
    sensationen geknüpft: Aufrechter Gang,
    Nase vom Boden abgehoben, damit
    eine Anzal von früher interessanten
    Sensationen, die an der Erde haften,

  • S.

    widerlich geworden – durch einen mir noch
    unbekan̄ten Vorgang.) (Er trägt die Nase hoch =
    Er hält sich für etwas besonders Edles).
    Die Zonen nun, welche beim normalen u 
    reifen Menschen sex Entbindg nicht mehr
    produciren, müßen Afterregion u Mund-
    Rachengegend sein. Das ist zweifach gemeint,
    erstens daß ihr Anblick u ihre Vorstellg
    nicht mehr erregend wirkt, zweitens,
    daß die von ihnen ausgehenden Binnen-
    sensationen keinen Beitrag zur Libido
    liefern wie die von den eigentl. Sexual-
    organen. Bei den Thieren bestehen diese
    Sexualzonen nach beiden Hinsichten in
    Kraft; wo sich das auch beim Menschen
    fortsetzt entsteht – Perversion. Es
    ist anzunehmen, daß im infantilen Alter
    die Sexualentbindg noch nicht so lokalisirt
    ist wie später, so daß hier gewissermaßen
    auch jene später aufgelassenen Zonen
    (vielleicht die ganze Körperoberfläche mit)
    etwas anregen, was der späteren Sexual-
    entbindg analog ist. Das Zugrundegehen
    dieser anfänglichen Sexualzonen hätte
    ein Gegenstück in der Aufzehrg gewißer
    innerer Organe im Laufe der Entwicklg.

  • S.

    Sexualentbindg (Du weißt, ich meine eine
    Art von Secretion, die man correcter
    Weise als den in̄eren Zustand der
    Libido verspürt) kom̄t nun zu Stande
    nicht nur wie 1) durch peripher Reiz an
    den Sexualorganen, wie 2) durch die
    Bin̄enerregungen von diesen Organen,
    sondern auch 3) von den Vorstellungen,
    also Erin̄erungsspuren aus, also auch auf dem
    Wege der Nachträglichkeit. (Du ken̄st
    den Gedankengang von früher her: Hat
    man ein Kind an den Genitalien irritirt 
    so entsteht Jahre später durch Nachträglichkeit
    von der Erin̄erg daran eine weit
    stärkere Sexualentbindg als damals, weil
    der Ausschlag gebende Apparat u der
    Secretionsbetrag inzwischen gewachsen
    sind. So giebt es eine nicht neurotische
    Nachträglichkeit normaler Weise, und
    aus ihr entsteht der Zwang. (Unsere
    anderen Er. wirken sonst nur, weil sie als
    Erlebnisse gewirkt haben). Solche Nachträg-
    lichkeit stellt sich nun auch für die
    Er an die Erreggen der aufgelassenen
    Sexualzonen her. Aber deren Folge ist nicht
    Entbindg von Libido, sondern von
    einer Unlust, einer Binnensensation,
    die analog ist dem Ekel im Objektfalle.

  • S.

    Grob gesagt, die Er stinkt aktuell, wie
    in der Gegenwart das Objekt stinkt u 
    wie wir das Sinnesorgan (Kopf u Nase)
    im Ekel abwenden, so wendet sich Vorbew
    u der Bew. Sinn von der Erin̄erg ab.

    Dies ist die Verdrängung. 

    Was liefert nun die normale Verdrängg?
    Etwas, woraus frei Angst, psychisch
    gebunden Verwerfg werden kann, also
    die Affektgrundlage für eine Menge
    von intellekt Vorgängen der Entwicklg,
    wie Moral, Scham udgl. Dieß entsteht
    also sämtlich auf Kosten untergegangener
    (virtueller) Sexualität. Somit ist es ersichtlich,
    wie mit den Entwicklgsschüben das Kind
    von der Fröm̄igkeit, Scham udgl überzogen
    wird, u wie das Ausbleiben solchen Unterganges
    sex Zonen die Moral insanity als Ent-
    wicklgshem̄g produziren kann. Diese Schübe
    werden beim männl u weibl Geschlecht
    anders zeitlich disponirt sein. (Der Ekel
    tritt beim kleinen Mädchen früher auf
    als beim Knaben). Der Hauptunterschied
    zwischen beiden Geschlechtern stellt sich aber
    um die Zeit der Pubertät her, wo eine
    nicht neurotische Sexualabneigg das Mädchen,
    Libido den Mann erfaßt. Um diese
    Zeit geht nämlich beim Weib eine neue weitere

  • S.

    Sexualzone (ganz oder theilweise) unter, die
    beim Mann bestehen bleibt. Ich meine
    die männliche Genitalzone, die Region
    der Clitoris, in der sich während der
    Kindheit die sex. Empfindlichkeit auch
    des Weibes conzentrirt zeigt). Daher
    der  Überguß von Scham, den das Weib
    um diese Zeit zeigt, bis spontan oder
    reflectorisch die neue Vaginalzone geweckt
    wird. Daher etwa die Anaesthesie der
    Frauen, die Rolle der Masturb bei
    den zur Hy bestim̄ten Kindern, u das
    Aufhören der Masturb, wen̄ eine
    Hysterie daraus wird.

    Nun zu den Neurosen. Kindererlebniße 
    die blos das Genitale betreffen, erzeugen
    beim Manne (und Mannweibe) nie Neurose,
    sondern blos Masturbzwang u Libido.
    Da aber die Kindererlebniße in der
    Regel auch die beiden anderen Sexual-
    zonen betroffen haben, bleibt auch
    für den Mann der Fall übrig, daß
    die durch Nachträglichkeit erwachende
    Libido zur Verdrängg u zur Neurose
    führt. Insoferne die Er ein Erlebniß 
    an den Genitalien betroffen hat,
    erzeugt es nachträglich Libido, insoferne
    After, Mund usw, nachträglichen 

  • S.

    inneren Ekel u daher der Endzustand, daß
    ein Betrag Libido nicht wie sonst zur
    Aktion oder zur psych Übersetzg durch-
    dringen kann, sondern sich in regressiver
    Richtg (wie im Traum) durchsetzen muß.
    Libido und Ekel hängen einmal associativ
    an einander. Der ersteren dankt man's,
    daß nicht allgemeine Unlust usw 
    aus der Er werden kann, sondern daß
    eine psych Verwertg stattfindet, der 
    letzteren, daß diese nichts anderes als
    Symptome liefert anstatt Zielvorstellgen.
    Das Psycholog. daran wäre nicht schwer zu
    übersehen, der org. Faktor ist nun, 
    ob das Aufgeben der Sexualzonen
    nach dem männl oder weibl Entwicklgs-
    typus oder überhpt erfolgt.

    Wahrscheinlich hängt nun die Neurosen-
    wal, die Entscheidg, ob Hy, Zw oder
    Par entsteht, von der Natur des Schubes
    (dh seiner zeitlichen Bestim̄theit) ab), der
    die Verdrängg ermöglicht, dh eine Quelle
    innerer Lust in eine solche inneren
    Ekels verwandelt.

    Soweit mit allen daran haftenden
    Unklarheiten. Ich bin also entschloßen 
    das was Libido u das, was Angst macht,

  • S.

    fortan für getrennte Faktoren zu halten.
    Habe es auch aufgegeben, die Libido
    für den männlichen, die Verdrängg
    für den weibl Faktor zu erklären.
    Jedenfalls bedeutsame Entscheidungen.
    Die Unklarheit liegt hauptsächlich in
    der Veränderg, durch welche aus der
    inneren Bedürfnißsensation die Ekel-
    sensation werden soll. Andere dunkle
    Punkte brauche ich Dir nicht anzuzeigen.
    In der Verknüpfung des neurotischen
    Vorganges mit dem normalen liegt
    der Hauptwert der Synthese. Es schreit
    alles jetzt förmlich nach einer baldigen
    Aufklärung der gemeinen neurasth. 
    Angst. –

    Meine Selbstanalyseb bleibt unterbrochen.
    Ich habe eingesehen, warum. Ich kan̄ mich
    nur selbst analysiren mit den objektiv
    gewon̄enen Ken̄tnißen (wie ein Fremder) 
    eigentl Selbstanalyse ist unmöglich, 
    sonst gäbe es keine Krankheit.
    Da ich noch irgend ein Rätsel bei meinen
    Fällen habe, so muß mich dieß auch
    in der Selbstanalyse aufhalten. 
    –––