• S.

    SF
    IX. BERGGASSE 19.

    31.5.97

    Theurer Wilhelm

    Lange nichts von Dir gehört. Anbei
    einige bei dem letzten Schub an`s 
    Ufer gespülte Brocken. Ich notire
    jetzt nur für Dich u hoffe Du 
    bewahrst es mir auf. Zur Entschuldigg
    oder Erklärg füge ich nichts hinzu;
    ich weiß es sind erst Vorahnungen,
    aber all solchen Dingen ist etwas
    geworden, nur was ich mir dem
    System Vbw dazuklügeln wollte,
    habe ich zurücknehmen müssen 
    Eine Ahng sagt mir noch, als ob
    ich es schon wüßte – ich weiß 
    aber gar nichts –, daß ich nächstens
    die Quelle der Moral aufdecken
    werde. So wächst die Sache noch
    im̄er in meiner Erwartung

  • S.

    u macht mir die größte Freude.
    Wenn ich Dich nur zur Mit-
    theilg bequemer u näher
    haben könnte.

    Die Sommerstim̄g ist sonst sehr
    mächtig. Freitag abds wollen 
    wir über Pfingsten nach Aussee.
    Ich weiß nicht, ob mir noch mit-
    theilungsfähige Einfälle kom̄en
    werden; arbeiten will ich nichts
    mehr. Selbst den Traum habe
    ich bei Seite gelegt. Unlängst
    träumte ich von überzärtlichen
    Gefühlen für Mathilde, sie
    hieß aber Hella u „Hella" sah
    ich dan̄ nochmals fett gedruckt
    vor mir. Auflösung: Hella heißt 
    eine amerik. Nichte, deren
    Bild wir bekom̄en habn. 

  • S.

    Mathilde könnte Hella heißen, weil
    sie unlängst über die Niederlagen 
    der Griechen so bitter geweint hat.
    Sie begeistert sich für die Mythologie 
    des alten Hellas u sieht in allen
    Hellenen natürlich Helden. Der
    Traum zeigt natürlich meinen Wunsch
    erfüllt, einen pater als Urheber
    der Neurose zu ertappen u macht
    so meinen noch im̄er sich regenden
    Zweifeln ein Ende.

    Ein andermal träumte ich, daß ich
    wenig bekleidet eine Treppe
    hinaufgehe, es geht, wie der Traum
    ausdrücklich hervorhob, sehr flink 
    (Herz-Beruhigung!); plötzlich merke
    ich aber daß ein Frauenzim̄er 
    nachkom̄t und da tritt das im
    Traum so häufige an der Stelle
    Kleben, Gelähmtsein, auf.
    Das begleitende Gefühl war

  • S.

    nicht Angst, sondern erotische
    Erregg. So siehst Du, wie die dem
    Schlaf eigene Lähmgsempfindg
    zur Erfüllg eines Exhibitions-
    wunsches gebraucht wird. Ich war
    vorher thatsächlich in der Nacht
    die Treppe von der unteren
    Wohng hinaufgegangen u zw 
    wenigstens ohne Kragen u 
    dachte daran, es könnte ein
    Nachbar auf der Treppe sein.

    Br. hat mir unlängst eine ähnliche
    Empfehlg zugeschickt wie Dir in
    der Sarkomaffaire. Du siehst 
    es ist System darin.

    Mit herzlichsten Grüßen
    für Deine liebe Frau
    u Sohn
    Dein Sigm