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IX: BERGGASSE 19.19.9.1901
Theurer WilhelmEinige Stunden vor der Abreise
habe ich noch Deine Karte erhalten.
Nun sollte ich Dir über Rom schreiben;
es ist schwer. Es war auch für mich
überwältigend u die Erfüllg eines
wie Du weißt lange gehegten Wunsches.
Wie solche Erfüllungen sind, etwas
verküm̄ert, wenn man zu lange auf
sie gewartet hat, aber doch: ein Höhe-
punkt des Lebens. Während ich aber
ganz und ungestört bei der Antike
war (das Stückchen Minervatempel
neben dem Nervaforum hätte ich in
seiner Erniedrigg u Verstüm̄elung
anbeten können), ist mir ein freier
Genuß des zweiten Rom nicht möglich
geworden, die Tendenz hat mich gestört,
unfähig mein Elend u alles andere,
von dem ich weiß, in Gedanken los
zu werden, habe ich die Lüge von der -
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Erlösung der Menschheit, die so himmel-
ragend ihr Haupt erhebt, nicht gut
vertragen.Das dritte, italienische Rom finde ich
hoffnungsvoll u sympathisch.Ich war übrigens bescheiden im Genuß
habe in den zwölf Tagen nicht alles sehen
wollen. Ich habe nicht nur Trevi bestochen
wie alle thun sondern auch, was
ich mir selbst erfunden, die Hand
in die Bocca della verità bei
S. Maria Cosmedin gesteckt, mit dem
Schwur daß ich wiederkomme.Das Wetter war heiß, aber gut zu
ertragen, bis eines Tages, zum Gl erst
am 9ten, ein Scirocco losbrach, der
mich einfach knickte u von dem
ich mich nicht mehr erholt habe.
Nach meiner Ankunft ist eine Magen-
Darmverderbniß aufgetreten, die ich
auf den Reisetag zurückführe und -
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unter der ich jetzt, ohne zu murren, leide.
Mein Volk war eine Nacht früher
als ich heimgekehrt, meine Beschäftigg
ist noch minimal.Dein letzter Brief war doch eigentlich wol-
thuend. Ich kann mir jetzt Dein Brief-
verhalten im abgelaufenen Jahr erklären.
Das erste Mal übrigens, daß Du mir
etwas anderes als die Wahrheit
gesagt hattest.Was Du über mein Verhalten gegen Deine
große Arbeit schreibst, erkenne ich bei
mir als ungerecht. Ich weiß, wie oft
ich mit Stolz – und mit Zittern an
sie gedacht habe, u wie die Unfähigkeit,
dem oder jenem Schluß mich anzu-
schließen, mich verstört hat. Du weißt,
daß ich von quantitativer Begabung
keine Spur u für Zahlen u Maße
kein Gedächtniß habe; vielleicht hat
es Dir darum den Eindruck gemacht,
daß ich nichts von dem behalten, was Du -
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mir mitgetheilt. Alles, was sich aus den
Zahlen an Gesichtspunkten u Qualitäten
herauslesen ließ, ist, glaube ich, bei
mir nicht untergegangen. Vielleicht
hast Du zu rasch auf meine Mitwisser-
schaft verzichtet. Ein Freund, der das
Recht hat, auch Widerspruch zu versuchen
der bei seiner Unken̄tniß kaum
je gefährlich werden kann, ist nicht
wertlos für einen, der so dunkle
Pfade geht und mit sehr wenigen
Personen verkehrt, die alle ihn
unbedingt u – kritiklos verehren.Einzig kränkend war ein anderes
Mißverständniß in Deinem Brief:
daß sich mein Ausruf, Du untergräbst
ja den Wert meiner Funde, auf
meine Therapie beziehe. An die
Mohrenwäsche habe ich dabei wirklich
nicht gedacht. Es hat mir leidgethan,
den „einzigen Publikum", wie -
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unser Nestroy sagt, zu verlieren.
Für wen schreibe ich denn noch?
Wenn Du also in dem Moment, da
eine Deutung von mir Dir Unbehagen
macht, bereit bist zuzustim̄en, daß
der „Gedankenleser" nichts am anderen erräth,
sondern nur seine eigenen
Gedanken projizirt, bist Du wirklich
mein Publikum auch nicht mehr,
mußt Du die ganze Arbeitsweise
für ebenso wertlos halten wie
die anderen.Deine Antwort auf das Thema der
Bisexualität habe ich nicht verstanden.
Es ist offenbar sehr schwer, einander
zu verstehen. Gewiß wollte ich nichts
anderes, als meine Zugabe zu der
Theorie der Bisex. bearbeiten, den Satz
ausführen, daß die Verdrängg u die
Neurosen, die Selbständigkeit des
Ubw also, die Bisex zur Voraussetzung
hat. -
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Daß ich nicht daran denke meinen
Antheil an dieser Erkenntniß
zu vergrößern, wird Dir seither
die betreffende Stelle von der
Priorität im „Alltagsleben« gezeigt
haben. Irgendeine Anknüpfg an das
Allgemein Biologische u Anatomische
der Bisex wäre da aber doch nicht
zu entbehren, u da fast alles, was
ich dazu weiß, von Dir herrührt, so
bleibt nichts anderes übrig,als
mich auf Dich zu berufen oder
diese Einleitung ganz von Dir
zu beziehen. Ich bin aber gar nicht
publikationslustig jetzt. Unterdeß
sprechen wir wol einmal darüber.
Einfach sagen: Das Bw ist das herrschende,
das Ubw das unterIegene sexuelle
Moment, kann man nicht ohne
gröbste Vereinfachung der sehr
viel complicirteren Natur, obwol
es natürlich die Grundthatsache ist. -
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Ich schreibe an einem mehr psychologischen
Aufsatz: Vergessen u Verdrängen,
den ich aber auch lange bei mir behalten
werde.Die Zeit für Deinen Bresgenvortrag
ist ja schon überschritten; ich erwarte
ihn mit großer Spannung; hat er
sich verzögert.?
Ich grüße Dich herzlich u bin in
Erwartung guter Nachrichten von
Dir u den Deinigen
Dein Sigm
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