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IX. BERGGASSE 19.15.X.97
Theurer Wilhelm
Meine Selbstanalyse ist in der
That das Wesentlichste, was ich jetzt habe
u verspricht von höchstem Werth für
mich zu werden, wen̄ sie bis zu Ende geht.
Mitten drin hat sie 3 Tage plötzlich ver-
sagt u dabei hatte ich das Gefühl der
inneren Bindg, über das die Kranken
so klagen u war eigentlich trostlos, bis ich
fand, daß dieselben 3 Tage (vor 28 Tagen)
die Träger identischer somat Erscheingen
gewesen sind. Eigentlich nur 2 schlechte Tage
mit einer Remission dazwischen. Man
sollte daraus schließen, daß die weibliche
Periode der Arbeit ungünstig ist.
Pünktlich am 4ten Tag ging sie weiter;
natürlich war die Pause auch anders
determinirt, durch den Widerstand
vor etwas überraschend Neuem.Seitdem bin ich wieder intensiv beschäftigt,
geistig frisch, obwol mit mancherlei
leichten Störgen behaftet, welche dem
Inhalt der Analyse entspringen.Meine Praxis läßt mir unheimlicher-
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weise noch im̄er sehr viel Zeit.
Um so wertvoller ist das ganze für meine
Absichten, als es mir gelungen ist,
einige reale Anhaltspunkte für die
Geschichte zu finden. Ich fragte meine
Mutter, ob sie sich noch der Kinderfrau
erinnert. Natürlich, sagte sie, eine ältliche
Person, sehr gescheit, sie hat Dich in
alle Kirchen getragen; wenn Du dan̄
nach Hause gekom̄en bist, hast Du ge-
predigt u erzählt, wie der liebe Gott
macht. Als ich im Wochenbett mit
Anna war (2 1/2 Jahre jünger), kam es heraus,
daß sie eine Diebin war, u man
hat alle blanken Kreuzer, Zehner
u alles Spielzeug, das Dir geschenkt
worden war, bei ihr gefunden. Dein
Bruder Philipp ist selbst um den Polizei-
man̄ gegangen, sie hat dan̄ 10 Monate
Strafe bekom̄en. Nun sieh mal,
was für Bestätigg dieß für die
Schlüße meiner Traumdeutg abgiebt.
Den einzigen möglichen Irrtum habe ich
mir leicht erklären können. -
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Ich habe Dir geschrieben: Sie hat mich verleitet
Zehner zu stehlen u ihr zu geben. In
Wahrheit bedeutet der Tr, sie hat selbst
gestohlen. Denn das Trbild war eine
Erin̄erung, daß ich Geld nehme von der
Mutter eines Arztes, also unrechtmäßig.
Die richtige Deutg ist: Ich = sie, u Mutter
eines Arztes gleich meiner Mutter.
Ich habe so wenig gewußt, daß sie eine
Diebin war, daß ich die Deutg verfehlt habe.
Auch nach dem Arzt, den wir in Freiberg
gehabt hatten, erkundigte ich mich, weil
ein Tr viel Groll auf ihn häufte. Bei
der Analyse der Trperson, hinter der er
steckte, war mir auch ein Prof. v. Kraus
eingefallen, mein Gymnasiallehrer für
Geschichte, der mir gar nicht zu passen
schien, da ich in indifferentem eher behaglichem
Verhältniß zu ihm gestanden bin. Die
Mutter erzählte mir nun, daß der Arzt
aus meiner Kindheit einäugig war,
u unter all meinen Lehrern war
auch Prof. Kraus der einzige mit dem-
selben Gebrechen! -
S.
Die Beweiskraft dieser Übereinstim̄ungen
könnte man durch den Einwand ent-
kräften, ich hätte einmal in späterer
Kindheit gehört, daß die Kindsfrau
diebisch war u es scheinbar vergessen,
bis es im Tr zuletzt aufgetaucht. Ich
glaube selbst, es ist so. Aber ich
habe einen anderen, ganz einwand-
freien uschamüsanten Beweis.
Ich sagte mir, wenn mir die Alte so
plötzlich entschwunden ist, so muß sich
der Eindruck davon bei mir nach-
weisen laßen. Wo ist er nun? Da fiel
mir eine Scene ein, die seit 25 J.
gelegentlich in meiner bew. Er.
auftaucht, ohne daß ich sie verstünde.
Die Mutter ist nicht zu finden, ich heule
wie verzweifelt. Bruder Philipp
(20 J älter als ich) sperrt mir einen
Kasten auf, u nachdem ich die Mutter
auch hierin nicht gefunden, weine
ich noch mehr, bis sie schlank u
schön zur Türe hereinkom̄t. -
S.
Was soll das bedeuten? Wozu sperrt mir
der Bruder den Kasten auf, der
doch weiß, daß die Mutter nicht
drin ist, mich also so nicht beruhigen
kann?! Jetzt verstehe ich's plötzlich. Ich
habe es von ihm verlangt. Als ich die
Mutter vermißte, habe ich gefürchtet
sie werde mir ebenso verschwunden
sein wie kurz vorher die Alte. Ich
muß nun gehört haben, die Alte
sei eingesperrt u darum geglaubt
haben, die Mutter sei es auch, oder
besser, sie sei „eingekastelt", denn
solche scherzhafte Ausdrucksweise beliebt
Bruder Phil der jetzt 63 J ist, noch bis
auf den heutigen Tag. Da ich mich gerade
an ihn gewendet, beweist, daß mir
sein Antheil am Verschwinden der
Kinderfrau wohl bekannt war.Ich bin seither viel weiter gekom̄en
aber noch bei keinem rechten
Ruhepunkt. Die Mittheilg des Unfertigen
ist so weitläufig u mühselig, daß
ich hoffe, Du erläßest sie mir u -
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begnügst Dich mit der Kenntniß der sicher-
gestellten Stücke. Wenn die Analyse
hält, was ich von ihr erwarte, werde
ich sie systematisch bearbeiten u
Dir dann vorlegen. Ich habe nichts
völlig Neues bis jetzt gefunden, alle
Complicationen, die ich sonst gewohnt
bin. Ganz leicht ist es nicht. Ganz
ehrlich mit sich sein ist eine gute
Übung. Ein einziger Gedanke von
allgem. Werth ist mir aufgegangen.
Ich habe die Verliebtheit in die
Mutter u die Eifersucht gegen den
Vater auch bei mir gefunden u
halte sie jetzt für ein allgemeines
Ereigniß früher Kindheit, wenn
auch nicht im̄er so früher wie bei
den hysterisch gemachten Kindern.
(ähnlich wie den Abkunftsroman der
Paranoia - Heroen, Religionsstifter).Wenn das so ist, so versteht man die
packende Macht des Königs Oedipus
trotz aller Einwendgen, die der Verstand
gegen die Fatumsvoraussetzg erhebt,
u versteht, warum das spätere -
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Schicksalsdrama so elend scheitern mußte.
Gegen jeden willkürlichen Einzelzwang
wie er in der Ahnfrau etc Voraussetzg
ist, bäumt sich unsere Empfindg, aber
die griechische Sage greift einen Zwang
auf, den jeder anerkennt, weil er
dessen Existenz in sich verspürt hat.
Jeder der Hörer war einmal im Keime
u in der Phantasie ein solcher Oedipus,
u vor der hier in die Realität ge-
zogenen Tr.erfüllg schaudert jeder zurück
mit dem ganzen Betrag der Verdrängg
der seinen infantilen Zustand von seinem
heutigen trennt.Flüchtig ist mir durch den Kopf gegangen,
ob dasselbe nicht auch dem Hamlet
zu Grunde liegen möchte. Ich denke
nicht an Shakesp' bew. Absicht, sondern
glaube lieber, daß ihn eine reale
Begebenheit den Dichter zur Darstellg
reizte, indem das Unbw in ihm das
Unbw im Helden verstand. Wie recht-
fertigt der Hysteriker Hamlet sein
Wort „So macht Gewissen Feige aus uns
Allen", wie erklärt er sein Zaudern -
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durch den Mord des Onkels den Vater
zu rächen, derselbe, der unbedenklich
seine Hofleute in den Tod schickt u
geradezu vorschnell den Laertes er-
mordet? Wie besser, als durch die
Qual, welche ihm die dunkle Er
bereitet, er habe sich mit derselben
That gegen den Vater aus Leiden-
schaft zur Mutter getragen, „u wen̄
wir nach Verdienst behandelt
werden, wer würde da dem Aus-
peitschen entgehen." Sein Gewißen
ist sein unbew Schuldbewußtsein.
Und seine Sexualentfremdg im Gespräch
mit Ophelia, ist die nicht typisch hysterisch,
seine Verwerfg des Instinkts, der
Kinder gebären will, endlich seine
Übertragg der That von seinem Vater
auf Ophelias. Und gelingt es ihm nicht
am Ende auf ebenso wunderbare Weise
wie meinen Hysterikern, sich seine
Bestrafung zu erzwingen, indem er
dasselbe Schicksal erf hrt wie der
Vater, von demselben Nebenbuhler
vergiftet wird? -
S.
Ich halte mein Interesse so ausschließlich
auf die Analyse gerichtet, daß ich
noch nicht einmal den Versuch gemacht
habe, anstatt meiner Hypothese, die Ver-
drängg gehe jedesmal vom Weiblichen
aus u richte sich gegen das Männliche
die von Dir vorgeschlagene gegen-
sätzliche zu versuchen. Ich werde es
aber irgend einmal vornehmen.An Deinen Arbeiten u Fortschritten
habe ich leider so geringen Antheil.
In der einen Hinsicht bin ich besser
daran als Du. Was ich Dir vom Seelen-
ende dieser Welt erzähle, findet
in Dir einen verständnißvollen
Kritiker, u was Du mir von ihrem
Sternenende mittheilst, weckt in mir
nur unfruchtbares Staunen.Mit herzlichst Gruß für Dich
Deine liebe Frau u meinen
neuen Neffen
Dein Sigm
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