• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 1901

    1 Jan 1900
    Mein Theurer

    Ich werfe die Psychopath des Alltags-
    lebens beiseite, um Dir unmittelbar
    zu antworten, nachdem Dein Brief
    endlich das beängstigende Schweigen
    gebrochen hat. Ich konnte mich nicht
    entschließen Dich nochmals um
    Nachricht zu drängen, wenn Du so
    deutlich zeigtest, daß Schreiben Dir
    lästig war u kein Bedürfniß
    nach Mittheilg Dich bewegte. Ich habe
    mir auch die richtige Erklärung für
    das sonst unerklärliche Phänomen
    gegeben u meine tiefe Vereinsamung
    darum verhältnißmäßig ruhig ertragen.
    Ich kon̄te mir denken, wie Dich die Er-
    krankung Deiner Mutter ergreifen
    mußte – selbst gegen alle Logik, denn
    ich weiß, Du hast lange nichts an
    ihr verloren, aber gerade darum
    um so stärker.

  • S.

    Ich bin jetzt ganz zufrieden, daß ich
    Weihnacht nicht nach Berlin gekom̄en
    bin.

    Ich will Dir gerne alles an Nachrichten
    nachtragen, was von hier zu erzählen
    ist. Viel ist es nicht. Monotonie
    unterbrochen durch die Schreiberei
    am „Alltagsleben", die ziemlich weit
    vorgerückt ist u allerlei privata
    sammelt. Gutes Befinden meiner
    wenigen Patienten, Gedeihen der
    Kinder bis auf gelegentliche Gedichte
    von Martin, von denen ich Dir
    wieder eins beilege, da Du
    einmal zu seinen Schätzern gehörst.
    Bei Minna keine auffällige Änderung,
    hie u da Störung des Allgemein-
    befindens durch leise Fieberbe-
    wegungen. Sonst Wolbefinden
    bei Ruhe u Eisbeutel, dieselbe
    Tachycardie mit Schmerzen beim
    Aufstehen, keine anderen neurotischen
    Symptome. Der Basedowdiagnose
    widerstrebe ich sehr bis in ihre

  • S.

    formes frustissimes. Oscar als zärtlicher
    Beobachter, der sich aber auch nicht
    aus kennt. Das wäre nun alles.

    Die Anwesenheit Deiner Frau u die
    wenigen Viertelstunden Gespräch mit
    ihr kann ich doch nicht leicht vergeßen.
    Um so trauriger, daß ich die Hoffnung
    sie wiederzusehen, mit einem
    „Leider" begründen muß. Ich frage
    Dich nur, sollen wir mit unserem
    Briefverkehr auf eine Zeit warten,
    die keinem von uns beiden etwas
    Schweres bringt? Und heißt das
    nicht, zu anspruchsvoll u zu wenig
    freundschaftlich sein?

    Ich grüße Dich, Frau u Kinder
    herzlichst von allen Meinen, die
    meine Besorgniße diese Wochen
    über getheilt haben,
    Dein Sigm

  • S.

    Winter

    Es glänzen die Straßen so flaumig und weiß,   x)
    Und auf den Plätzen liegt Schnee.
    Gefroren sind zu glänzendem Eis
    Der Weiher, der Teich und der See.
    Erster Schnee heuer, natürlich erst gestern abends.

    Es bläst so schaurig und kalt der Wind,
    Er bläst von Osten und Nord,
    Es weint vor Kälte manch armes Kind
    Und suchet nach Schutz und nach Hort.

    Ich geh' in die Schule wohlgemuth, x)
    Geh' heut nicht zum ersten Mal,
    Auf meinem Rücken das Ränzel ruht,
    Im Arme steckt das Lineal.

    x) Erster Schnee heuer, natürlich erst gestern abends.

    x) Natürlich gelogen. Er geht sehr ungern