• S.

    Zürich, 9. VIII. 07

    Hochgeehrter Herr Professor, Auch heute muß ich Sie um Nachsicht bitten, daß ich auf Ihr Schreiben noch nicht geantwortet habe. Da meine beiden Vorgesetzten, Bleuler und Jung, zu gleicher Zeit verreist waren, kam ich in den letzten 14 Tagen zu nichts außer zu den Anstaltsgeschäften. Es war mir überaus lieb zu hören, daß Sie sich meinen Ausführungen im letzten Brief anschließen. Zu den zwei Hauptpunkten Ihres letzten Schreibens muß ich noch einige Bemerkungen machen. Das Mitteilen der Phantasien, 

  • S.

    Wahnideen etc. geschieht in gewissen Stadien der Dementia praecox ohne Widerstand. Ich behandle gerade jetzt eine Dame, die ihre intimsten Angelegenheiten, ihre religiösen Größenideen inbegriffen, heruntererzählt, wie man als Unbeteiligter von irgendeinem bekannten Ereignis spricht. So verhalten sich viele Geisteskranke in einem gewissen Stadium. Zu andrer Zeit dagegen ist es unmöglich, auch nur ein einziges Wort über diese Dinge herauszubringen. Wieder zu andern Zeiten erhält man über die kombinatorischen Wahnideen gut Auskunft, dagegen auch nicht die geringste über die „Stimmen“. Dies wechselnde Verhalten ist mir nicht verständlich. Daß das Preisgeben 

  • S.

    des Intimsten ein Zeichen eintretender Demenz sei, gebe ich zu, wenn der Begriff der Demenz geklärt ist. Das ist nun bisher nicht der Fall. Ich glaube, was man bei den chronisch Geisteskranken so bezeichnet, ist nichts andres als das Sich[-] Abschließen des Kranken von der Welt, der Rückzug der Libido von Personen und Objekten. Bei den organischen Psychosen und bei der Epilepsie spricht man auch von Demenz. Leider, denn es handelt sich um absolut verschiedene Dinge. Der Epileptiker wird in einem ganz anderen Sinne dement: bei ihm ist die geistige Verarmung progressiv. Dabei behält er aber die Fähigkeit, mit dem Gefühl 

  • S.

    zu reagieren, die dem an Dementia praecox Erkrankten verloren geht. Trotz aller Demenz, auch im tiefsten Blödsinn, hat der Epileptiker eine ausgesprochene Objektliebe. Er lobt seine Familienangehörigen überschwänglich, er kann dem Arzt die Hand nicht herzlich genug drücken, er findet nicht Worte genug für den Ausdruck seiner Gefühle, er hängt mit großer Zähigkeit an seinem Besitz – in allem der volle Gegensatz der Dementia praecox. Wir haben also den sonderbaren Tatbestand: die Epileptiker werden „dement«“und behalten die Objekt-Libido, die chronisch Geisteskranken werden 

  • S.

    dement und verlieren die Objekt-Libido. Folglich bedarf der Begriff der Demenz dringend der Klärung. Mit diesem Begriff wird in der Psychiatrie förmlich gespielt! Die einen sehen die Paranoia (oder Dementia praecox, oder wie man sonst sagen mag) als eine partielle Geistesstörung an, die nur gewisse psychische Fähigkeiten betrifft, die andern nennen jede absurde Wahnidee „dement“ oder schwachsinnig. Mit demselben Recht aber könnte man die tausend scheinbaren und doch sinnvollen Absurditäten des Traumes als schwachsinnig, resp. jeden Menschen im Traume als dement bezeichnen. Was man bei den 

  • S.

    chronisch Geisteskranken als Demenz bezeichnet, scheint mir etwas Lösbares zu sein, im Gegensatz zum epileptischen, paralytischen, senilen Schwachsinn, der sich nicht rückgängig machen läßt. Bei der Dementia praecox handelt es sich um temporäre (oft freilich sehr langdauernde) Absperrungen von Vorstellungen und Gefühlen. Ob dieser Zustand sich wieder löst, scheint mir von der Schwere und Nachhaltigkeit des „Komplexes“ abzuhängen. Im Zusammenhang mit dem zweiten Punkte Ihres Schreibens möchte ich versuchen, den Begriff der Demenz bei den chronisch Geisteskranken durch einen andern zu 

  • S.

    ersetzen. Die ungenügende Entwicklung zur Objektliebe ist offenbar eine Hemmung der Entfaltung der Persönlichkeit. Die Persönlichkeit eines Menschen ist doch nichts andres als seine individuelle Art, auf die Reize der Außenwelt zu reagieren. Daß das Reagieren auf die Außenwelt im engsten Zusammenhang mit der Sexualität steht, ist mir aus Ihren Schriften klar geworden. Jeder akute Schub der Dementia praecox ist ein Hindernis der Persönlichkeitsentwicklung; in schweren Fällen bringt er diese Entwicklung für immer zum Stillstand. Ich glaube also, statt von Demenz sollte man bei den 

  • S.

    chronisch Geisteskranken besser von einem Stillstand der Persönlichkeits-Entwicklung sprechen. Am Schlusse möchte ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, meinen wärmsten Dank für Ihr Interesse sagen. Daß Sie sich sogar in den Ferien mit meinem Schreiben befaßten, ist eigentlich mehr, als ich verdient habe. Ich adressiere diesen Brief nach Wien, da er Sie so wohl am sichersten erreicht, wenn Sie noch auf Reisen sein sollten. – So gespannt ich auch bin, weiteres von Ihnen zu vernehmen, so bitte ich Sie doch dringend, die Antwort bis zu Ihrer Heimkehr zu verschieben. Ihr dankbar ergebener
    Dr. Abraham