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    Berlin, 23. XI. 08.

    Lieber Herr Professor,

    Mit großer Freude las ich die Nachricht von der Verlobung Ihrer ältesten Tochter. Der Nächstbeteiligten habe ich vor einigen Tagen meine Glückwünsche ausgesprochen; nun will ich sie Ihnen wiederholen. Zugleich muß ich Ihnen für die Traumdeutung herzlich danken. Es ist doch eine Seltenheit, daß ein Buch, wenn der Absatz im Anfang gering ist, nach so langen Jahren eine Neuau lage erlebt. Das Interesse muß doch im Wachsen sein. Auf alles das, was Sie in den nächsten Monaten bringen werden, bin ich sehr gespannt. Aus dem Widerstand gegen die »Drei Abhandlungen« habe ich auch 

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    immer auf deren Bedeutung geschlossen. Ich kann hinzusetzen, daß mir diese Schrift immer von allen die liebste war, weil sie so außerordentlich viele Ideen bringt, die im einzelnen noch der Bearbeitung bedürfen, während die Traumdeutung so abgerundet und fertig ist, daß unsereinem gar nichts mehr zu tun bleibt. Auch gefällt mir in den drei Abhandlungen das Konzentrierte so gut – daß in jedem Satz immer mehreres steckt. Wegen des Wiener Kongresses läßt sich wohl später etwas tun. Und wie ist es mit unserm Kongreß? Es wäre schön, wenn er wieder zustande käme. Die Psychoanalyse, die Sie erwähnen, wäre mir sehr willkommen, denn augenblicklich verfüge ich über keinen

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    geeigneten Fall. Bei einer Dame hatte ich mit einer teilweisen Analyse, die ich äußerer Gründe wegen mit andrer Behandlung kombinieren mußte, einen guten Erfolg. Leider fehlt es mir immer an jugendlichen und frischen Fällen. Augenblicklich nimmt eine geisteskranke Dame mich täglich stundenlang in Anspruch. Eine Reihe von Gutachten gibt auch genug zu tun. Mit dem Verlauf des ersten Praxis-Jahres bin ich relativ sehr zufrieden, d.h. der Ertrag übertrifft weit die Erwartungen, bleibt aber hinter dem Verbrauch natürlich noch sehr zurück.
    Die erwähnte geisteskranke Dame, bei der ich die Wahnbildung in den ersten Anfängen beobachten kann,

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    läßt den Mechanismus der sogenannten melancholischen Wahnideen sehr klar erkennen; ich hoffe immer, daß ich bald einmal die Psychogenese der verschiedenen Wahnformen bearbeiten kann.
    Mit herzlichen Grüßen Ihr Karl Abraham

    Haben Sie den schönen lapsus linguae aus dem Reichstag gelesen: rückgratlos statt rückhaltlos? – Sehr schön ist folgender Schreibfehler: Eine Dame muß bei einer Zahnärztin, in die sie deutlich verliebt ist, eine schmerzhafte Behandlung durchmachen. Sie schreibt darüber an ihre Familie: »Soeben komme ich wieder von dieser herrlichen Kreatur« – statt Prozedur!