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Berlin, 23. II. 08
Sehr verehrter Herr Professor,
Ihr letzter Brief enthielt wenig Bestimmtes über das Ergehen Ihrer Familie. Sie sprechen von Patienen. Da ich das Vergnügen gehabt habe, die Ihrigen alle kennen zu lernen, so nehme ich doch auch weiter Interesse an ihnen. Ich möchte Sie daher recht herzlich bitten, mich auch in dieser Hinsicht ein wenig auf dem laufenden zu erhalten. Ich hoffe, die Nachrichten werden das nächste Mal recht günstig lauten.
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Der Plan, den ich Ihnen andeutete, ist seiner Verwirklichung näher gerückt. Es war meine Absicht, Ihnen das fertige Manuskript zu senden und Sie dann um Aufnahme der Arbeit in die Sammlung zu bitten. Nun sind Sie mir zuvorgekommen, indem Sie mich um einen Beitrag bitten. Das Thema soll »Traum und Mythus« oder ähnlich lauten. Ich möchte die Symbolik der Sprache und des Mythus behandeln und besonders auf die zahlreichen Analogien zwischen Traum und Mythus eingehen. Ich weiß nicht, wie weit Riklin in dieser Hinsicht geht; nach dem kurzen Aufsatz in der Psychiatrisch-neurologischen Wochenschrift scheint er sich auf
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den Nachweis der Wunscherfüllung zu beschränken. Ich möchte gerade eine Reihe von andern Gesichtspunkten herausarbeiten: Infantilismus, Verdichtung, Zensur, Verdrängung, Identifikation etc. Ich will nachweisen, daß diese Begriffe nicht bloß individualpsychologische, sondern auch eine große völkerpsychologische Bedeutung haben. Als Paradigma werde ich in erster Linie den Mythus von der Herabkunft des Feuers benutzen, resp. dessen Deutung durch Adalbert Kuhn, und nachzuweisen suchen, daß diese Deutung der Traumdeutung in allen wichtigen Zügen gleicht. Daneben sollen andre Mythen
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kurz behandelt werden, um an ihnen einzelne Behauptungen zu erweisen. Wenn nichts in den Weg kommt, hoffe ich in etwa sechs Wochen fertig zu werden. Ich glaube, das Thema ist für die Sammlung geeignet. Vielleicht geben Sie mir einige Anweisungen bezüglich des geringsten und höchsten Umfanges der Arbeit, den Sie für zulässig halten? – Während der Arbeit ergibt sich mir eine Menge interessanter Fragen; heute will ich mich darauf beschränken, Ihnen die Grundzüge mitzuteilen, und die Details versparen. Ich wünschte sehr, daß Sie mit meinem Vorhaben einverstanden wären.
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Für den Aufsatz über hysterische Phantasien danke ich Ihnen herzlich. Wie jede Ihrer Schriften wirkt er wie eine Erleichterung auf mich, insofern als mir Dinge daraus klar werden, an die ich mich nicht gewagt hätte. Auf den nächsten bin ich freilich noch gespannter. Die Analerotik wird wie eine kleine Bombe wirken. Die Verständnislosigkeit ist so groß, daß auch diese Arbeit keinen in unser Lager herüberziehen wird. Immerhin, die Zeit des Totschweigens ist doch vorbei. So voll von Mißverständnissen auch Friedländers Sammelreferat im Journal für Psychologie und Neurologie ist, so zeigt es doch, daß man sich mit den Ideen beschäftigt.
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Aus den Gesprächen mit Kollegen sehe ich, daß an Stelle der Gleichgültigkeit doch mehr und mehr die Gegnerschaft tritt. Letztere gibt aber durchaus nicht immer eine schlechte Prognose. Zwei Kollegen habe ich jetzt so weit, daß ich mit ihnen debattieren kann, einer von ihnen läßt sich schon seine Träume deuten. Ich hoffe, daß die Gründung einer Freud-Gesellschaft wie in Wien und Zürich nicht mehr allzu fern liegt. Von Salzburg erhoffe ich sehr viel. Zu meinem Vortragsthema habe ich einen sehr wertvollen Beitrag erhalten. Ich lernte
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in Gesellschaft einen Dichter kennen, hochbegabt, aber mit zweifelloser Dementia praecox. Bei ihm fand ich den Autoerotismus in sublimierter Form: er hungert tagelang, um sich wie die indischen Fakire visionäre Zustände zu verschaffen, gerät dann in einen Zustand höchster Glückseligkeit, den er als ein unendliches Genießen seiner selbst beschreibt. Die Außenwelt bleibt weit hinter ihm liegen, nichts interessiert ihn außer ihm selbst, er schwelgt im Gefühl des Losgelöstseins von der Welt und von den Menschen. Er hält dies für die würdigste und höchste Form
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