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[Briefkopf I Berlin] 4. X. 08.
Lieber Herr Professor,
Es freut mich sehr, daß Ihre Ferien in Zürich einen guten Abschluß gefunden haben; ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich in meinem Interesse gegeben haben. Ich hatte von Jung jetzt zwei Karten, die Ihren Einfluß deutlich verraten! Ich bin sehr froh, daß die unerquickliche Situation damit beseitigt ist. Sie dürfen versichert sein, daß ich in der Korrespondenz mit Jung die nun
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abgetane Sache nicht durchblicken lasse. Freilich betrachte ich manches im Burghölzli anders wie Sie; in drei Jahren beständigen Zusammenseins sieht man in manches hinein. Ich begrüße es aber als einen wertvollen Erfolg Ihres Besuches in Z.[ürich], wenn Jung wieder positiv mitarbeitet. Die Referate sende ich ihm nun direkt. – Ihrem Fräulein Tochter danke ich herzlich für die vorläufige Beantwortung meiner Anfrage. Ich muß Sie nun bitten, lieber Herr Professor, nicht von mir zu denken,
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daß ich Ihre Durchreise durch Berlin übel genommen hätte. Wenn Sie selbst sich Vorwürfe deswegen machen, so gibt es eine einfache Sühne. Schenken Sie, wenn Sie demnächst nach Berlin kommen, meiner Frau und mir recht viel von Ihrer Zeit! Mit diesem Brief sende ich Ihnen »Traum und Mythus«. Vor einiger Zeit erwähnten Sie einmal, Sie hätten die Sintflutmythen analysiert. Ich habe mich auch daran gemacht und halte es für sicher, daß es sich um eine symbolische Darstellung der Schwangerschaft
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handelt. Das meinten Sie doch auch? Es sind erstaunlich feine Symbolismen darin, und ich bedaure, daß ich diese Sage nicht in mein Buch aufnehmen konnte. – In der italienischen Literatur ist jetzt (so weit ich weiß) die erste Arbeit über die Psychoanalyse erschienen. Ich las nur ein Referat; der Autor ist Baroncini, der sehr günstig urteilt. Für meinen Vortrag in der Psychologischen Gesellschaft habe ich als Thema angegeben: »Kindheitsphantasien im Seelenleben des Erwachsenen«.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr Karl Abraham
Schöneberger Ufer 22
Berlin 10785
Duitsland
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
C15F3