• S.

    [Briefkopf III Berlin] 28. V. 12.

    Lieber Herr Professor,

    Ihrer Anregung folgend werde ich dem Amenhotep, der sich als Manuskript bei Rank befindet, zwei Bilder beigeben – den König selbst mit seiner Gemahlin, und seine Mutter. Ich hoffe, daß Heller ohne weiteres die Erlaubnis erhält, die beiden Bilder aus Breasteds Geschichte Ägyptens zu kopieren. Es freut mich, von einigen Neuerungen im Zentralblatt zu hören. Für die »Kinder-Ecke« habe ich ein paar hübsche Beiträge, die ich Stekel einsende, sobald ich kann. Ich habe um Pfingsten herum mal ein bißchen ausgeruht. Die nächsten sieben Wochen, bis zur Ferienreise, ist noch viel zu 

  • S.

    arbeiten, da die Praxis sich dauernd auf der Höhe hält, wie ich sie im vorigen Brief beschrieb. Am 19. Juli gehen wir nach Kurhaus Stoos ob Brunnen (Vierwaldstätter-See). Ich habe dann Gelegenheit, nach fünf Jahren Zürich wieder einmal zu besuchen. Zur Melancholiefrage, die Sie in Ihrem Brief berührten, kann ich Ihnen mitteilen, daß ich seit einiger Zeit eine besonders instruktive »Zyklothymie« beobachte. Bei dieser Patientin liegt alles dem Bewußtsein ungewöhnlich nahe, besonders ist sie sich ihrer Liebesunfähigkeit ganz bewußt. Sie ist körperlich und psychisch durchaus »Zwischenstufe«, sehr männlich in Körperformen, Auftreten, Stimme, Bewegungen etc., ebenso im Denken und Fühlen. Die Mischung von Mann und Weib in ihr ist so, daß sie zu männlich ist, um Männer zu lieben; aber auch auf 

  • S.

    Frauen gelingt keine volle Übertragung. So kommt sie nie zu einer sie befriedigenden Einstellung zu einem Mann oder Weib. Reaktion darauf: lebhafte Phantasie – Ersatzbefriedigung (Prostitutions- phantasien) und Masturbation, die aber nicht ausreichen. Daher oft Verfall in Depression, abwechselnd mit flott manischer Exaltation. In diesem Falle komme ich gar nicht recht weiter. Es fehlt seitens der Pat. die Übertragung in der bei Neurotischen sonst üblichen Form. Der Fall, den ich in meiner Arbeit ausführlicher wiedergab, macht mir jetzt wieder zu schaffen. Er hatte sich vier Monate recht gut gehalten, machte dann aber eine längere Depression durch, nicht so schwer wie manche frühere, aber sie hielt doch sechs bis sieben Wochen an. Ich habe 

  • S.

    selbst den Eindruck, in diesem Falle nicht bis ans Ende vorgedrungen zu sein. Sie deuten mir an, daß Ihnen noch einiges dämmere. Ich wäre sehr dankbar für jede Anregung, weil ich es mit dem sehr bedauernswerten Patienten gern noch einmal versuchen möchte. In letzter Zeit habe ich bei zwei Patienten eine Störung analysiert, die ganz das Pendant zu Schrebers Fähigkeit, ungeblendet in die Sonne zu sehen, darstellt. Die Scheu vor dem Licht stellte sich als unmittelbar mit dem Vater zusammenhängend heraus. Der eine Fall – Dementia praecox – nötigt zu der Annahme, daß der Lichtscheu eine unbewußte Größenphantasie zugrunde liegt. Wenn Pat. beide Augen stark konvergiert, so sieht er (bei geschlossenen Lidern) halluzinatorisch zuerst zwei Augen, die sich plötzlich 

  • S.

    zu einer Sonne vereinigen. Er ist also selbst eine Sonne, so gut wie der Vater. Ich vermute, daß Schrebers Idee noch die Nebenbedeutung hat, daß er selbst (sein Auge) eine Sonne sei, die strahlender ist als die väterliche Sonne. Dann kann die letztere ihn nicht blenden. Ich betrachte das natürlich nur als eine mögliche Ergänzung zu Ihrer Erklärung. Über die Arbeiten der Wiener Gruppe höre ich gern, aber immer mit dem Bedauern, mir durch Austausch der Erfahrungen so wenig Anregung verschaffen zu können. Unsre Sitzungen haben sich zwar gehoben, aber es fehlen die richtigen Leute. Kürzlich habe ich, wie ich es etwa alle Halbjahr einmal tue, die neurologische Literatur der vergangenen Monate 

  • S.

    durchmustert. Es ist erschreckend, wie unproduktiv sie ist. Interessant ist, daß von den Zeitschriften die Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie uns überhaupt nicht mehr referiert, und daß das Neurologische Centralblatt fast dasselbe tut (die einzige kritisch tätige Zeitschrift ist die Ziehensche Monatsschrift). Sie geben das »Widerlegen« also auf. Kürzlich habe ich in einer Diskussion der »Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten« kurz gesprochen, nicht propagandae fidei causa, sondern um einige psychologische Stümpereien des Vortragenden (Kohnstamm) ad absurdum zu führen. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr ergebener Abraham