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    Berlin, 10. XI. 08.

    Lieber Herr Professor,

    Ich habe mit diesem Schreiben länger als sonst gewartet, weil ich Ihnen frische Nachrichten über den gestrigen Abend geben wollte. Ich sprach in der »Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten« über »Verwandten-Ehe und Neurose«. Um es gleich zu sagen: der Abend war im Ganzen recht erfolgreich. Das Thema erwies sich als für diese erste Attacke geeignet, weil ich gewisse Punkte nicht berühren mußte, bei denen sich die Köpfe immer am meisten erhitzen. Ich wählte ein paar Bemerkungen von Oppenheim als Ausgangspunkt und hob die Übereinstimmung in gewissen Beobachtungen über neurotische Kinder in seinen und Ihren Ansichten hervor. Ich vermied 

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    es, über verschiedene wichtige Punkte zu sprechen (z.B. die Beziehungen zur Homosexualität), weil diese unnötig zum Widerspruch gereizt hätten, vertrat aber alles, was ich von der Sexualtheorie erwähnte, mit größter Bestimmtheit. Ich glaube auch, Sie werden mir recht geben, daß ich Ihren Namen nicht zu oft nannte. Er wirkt wie das rote Tuch, und die Leute wußten doch, worauf ich hinaus wollte. Das Auditorium blieb bis zum Schluß aufmerksam, und man schritt, trotz der späten Stunde, noch zur Diskussion. Zuerst Oppenheim: in verschiedenen Hinsichten sehr anerkennend. Manches Neue habe ihn durchaus überzeugt. Nur gegen die Freudsche Auffassung der infantilen Sexualität könne er sich »nicht schroff und entschieden genug« erklären. Dann Ziehen. Während O. im Ganzen sachlich geblieben

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    war, setzte sich Z. auf das akademische hohe Pferd. »Leichtsinnige Behauptungen«, »Was Freud geschrieben hat, ist alles Unsinn« u.s.f. – Dann zwei Redner (Schuster, Rothmann), die sachliche Beiträge lieferten. Und nun der Clou: ein sehr streberhafter Kollege, Braatz, bei dem die Konverion zum Christentum nur unvollkommen geglückt ist, nahm den moralisierenden Volksversammlungston an. Ich hatte u.a. Conrad Ferdinand Meyer (nach Sadger) als Beispiel für die Liebe zur Mutter angeführt. Das sei unerhört; die deutschen Ideale stünden auf dem Spiele. Sogar das deutsche Märchen solle jetzt sexuell sein etc. Es sei sehr erfreulich, daß Autoritäten wie Z. und O. sich so entschieden gegen Fr. ausgesprochen hätten; der ganze Verein müsse seinen Unwillen gegen diese 

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    Richtung zum Ausdruck bringen. Ihm antwortete Liepmann, der sich sachlich als Gegner erklärte, sehr verständig und würdig, und wies den anmaßenden Ton zurück. Im Schlußwort vermied ich alle Schärfe, um der Sache nicht zu schaden. Nur Ziehen habe ich gehörig eins versetzt, da er gar zu knotig gewesen war. Ich stand der sehr besuchten Versammlung allein gegenüber. Juliusburger, der mir sicher sekundiert hätte, wurde im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert. Nach der Sitzung erklärte mir eine ganze Anzahl von Kollegen, daß sie sehr gern mal etwas Neues gehört hätten statt der ewigen Präparaten-Demonstrationen. Ich habe den Eindruck, daß eine ganze Reihe von Kollegen zum 

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    mindestens halb überzeugt nach Hause gingen. Der Boden ist jedenfalls geebnet, und vielleicht kann ich in der zweiten Hälfte des Winters schon mit schwererem Geschütz vorgehen. Ihr Rat, den Sie mir vor einem Jahre gaben, hat sich bewährt. Ich habe fast ein Jahr gewartet, ehe ich hervortrat, und habe mich dann noch mehr gemäßigt, als mir eigentlich behagte. Ich glaube, gerade durch die schroffe Stellungnahme einiger Gegner neigte sich die Stimmung mir zu. Oppenheim, an dessen Gunst für mich ja viel liegt, sprach sich mir privat sehr anerkennend aus. Freilich von der infantilen Sexualität wollte er nichts wissen, aber in vielen Hinsichten gab er mir recht und schlug mir sogar die Publikation in der Deutschen 

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    Zeitschrift für Nervenheilkunde (die er mit herausgibt) vor! Also es geht ohne Konzessionen, wenn man nur den Leuten nicht zu viel ihnen Fremdes auf einmal vorsetzt. – Unsre psychoanalytischen Sitzungen entwickeln sich ganz gut; ich hoffe, daß sich bald noch einige interessierte Kollegen finden werden. Wir kommen alle zwei bis drei Wochen zusammen. – Daß ich den gestrigen Vortrag in etwas erweiterter Form an Jung für das Jahrbuch gesandt habe, wissen Sie wohl schon. Ich glaube, das Jahrbuch erscheint unter günstigen Auspizien. Stekels Buch ist in Berlin viel gelesen worden; es war zur Propaganda wie geschaffen, und ich weiß eine Anzahl von Ärzten, die sich nun auch für weiteres interessieren werden. Die Neuauflagen, 

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    von denen Sie schreiben, sind doch auch ein gutes Zeichen. Die Gesellschaft deutscher Nervenärzte, die kürzlich in Heidelberg zum zweiten Male tagte, wird im nächsten Oktober ihren Kongreß in Wien abhalten. Sollte man da nicht? Was meinen Sie dazu? Würden Sie nicht doch wieder einmal persönlich eingreifen? – Molls kürzlich erschienenes Buch (Sexualleben des Kindes) zeigt eine Verständnislosigkeit, wie sie mir überhaupt noch nicht begegnet ist. Ihr Bericht über Bleulers Besuch war mir sehr interessant. Für alles Persönliche, was in Ihrem Brief enthalten war, danke ich Ihnen herzlich. Mit vielen Grüßen für Sie und die werten Ihrigen – auch im Namen meiner Frau
    Ihr Karl Abraham