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Berlin, 13. I. 09.
Lieber Herr Professor,
Die kurze Mitteilung von gestern wird in Ihre Hände gelangt sein und hat Ihnen gewiß die Überzeugung gegeben, daß ich in keiner Weise beleidigt bin. Ihr letzter Brief erreichte mich gerade vor Weihnachten. Ich reiste dann auf einige Tage zu meinen Eltern und mußte mich, als ich wieder in Berlin war, sofort legen. Die Influenza-Periode ist eben auch bei mir nicht vorübergegangen. Ihre Karte mit Stein und Ferenczi traf mich im Bett. Als ich wieder aufgestanden war, erfolgte zum ersten Male in meiner Praxis ein etwas turbulenter Zulauf von Patienten,
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u.a. waren rasch ein paar Gutachten zu schreiben. Kurz, ich fand nicht die Muße, die ich mir wünschte, um Ihren Brief zu beantworten, der mir in jeder Hinsicht besondre Freude bereitet hatte. Unrecht war vielleicht von mir, daß ich Ihnen nicht vorläufig mit ein paar Zeilen antwortete. Aber ich glaubte täglich, ich würde nun sicher zum ausführlichen Schreiben kommen. Und nun, lieber Herr Professor, ein für alle Male die Versicherung: ich werde Ihnen niemals eine Kritik übelnehmen. Ich finde auch nicht, daß Sie etwas bei mir gut zu machen hatten. Ich fühle doch in jedem Ihrer Briefe das persönliche Interesse – auch der neuste zeigte es
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mir wieder. Also wüßte ich nicht, warum ich schmollen sollte. Und nebenbei, diese Reaktionsweise liegt mir überhaupt nicht recht. Die ganze Angelegenheit aber schließt einen Trost für mich in sich: ich bin nicht der einzige, der sich in der Annahme von Motiven gelegentlich irrt. Ihrer Aufforderung, gleichzeitig mit den Budapester Kollegen in Wien zu sein, wäre ich gar zu gern nachgekommen. Aber Verschiedenes stand im Wege. Die Karte aus dem Café Riedl hat viele Erinnerungen wachgerufen. Ich denke, ein Zusammentreffen wird sich doch bald ermöglichen lassen. Ich erwarte Sie gemäß Ihrer Ankündigung bald einmal in Berlin. Und dann
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käme ja das Frühjahrs-Meeting in Salzburg oder sonstwo. Es findet doch statt? Über den Brief von Morton Prince steht es Ihnen natürlich frei, Brill und Jones Mitteilung zu machen. Wo steckt übrigens Jones? Ich hörte, er wäre nach Kanada ausgewandert. – Die Psychoanalyse, von der ich letztes Mal schrieb, geht gut vorwärts; leider treten jetzt Familienereignisse dazwischen, die vielleicht für den weiteren Verlauf ungünstig sind. Das Radium spielt noch weiter hinein. Oppenheim läßt den Pat. in größeren Intervallen zu sich kommen. Aber der Patient zeigt sich in diesen Emanationen wenig zugänglich.
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Mit dem Ergebnis der Praxis im ersten Jahre kann ich durch- aus zufrieden sein; das neue hat auch gut angefangen, sodaß die Aussicht, von der Praxis existieren zu können, nicht mehr gar so fern zu sein scheint. In den letzten Monaten hatte ich eine Reihe gerichtlicher und andrer Gutachten, meist durch Vermittlung von Dr. Hirschfeld, der sich überhaupt in sehr liebenswürdiger Weise für mich interessiert. Auf das Jahrbuch und Ranks Arbeit bin ich sehr gespannt. Mit den herzlichsten Grüßen Ihr dankbar ergebener
Abraham
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