-
S.
Berlin, 19. 5. 08.
Sehr geehrter Herr Professor,
Bevor Sie diesen Brief erhalten, wird Ihre Frau Gemahlin Ihnen Grüße überbringen. Meine Frau und ich haben uns mit ihrem Besuch so sehr gefreut und nur bedauert, daß es bei dieser einen kurzen Begegnung bleiben mußte. Auf die Anfrage in Ihrem letzten Schreiben habe ich natürlich nur die Antwort, daß ich mit großer Freude akzeptiere. Ob ich das mir zugedachte Arbeitsgebiet allein bewältigen kann, kann ich freilich erst sagen, wenn ich die Grenzen etwas
-
S.
genauer kenne, und auch weiß, wieviel Zeit ich mir nehmen darf. Ich nehme an, daß ich zunächst ein Sammelreferat Ihrer sämtlichen Schriften zu geben hätte. Ich besitze sie, so viel ich weiß, alle. Dagegen habe ich keine genaue Kenntnis der sonst von Wien gelieferten Arbeiten. Könnte ich vielleicht ein Verzeichnis erhalten? Ich nehme an, daß die psychoanalytische Gesellschaft alle Arbeiten besitzt. Vielleicht wäre Herr Rank so freundlich, mir eine solche Liste zu machen? Könnte ich auch eventuell solche Arbeiten, die mir hier nicht zugänglich sind, aus der Sammlung der Gesellschaft leihen? Die deutsche Literatur hat ja sehr wenig
-
S.
positive Beiträge; diese suche ich mir schon selbst zusammen. Ich würde also zunächst gern sehen, wie groß das Pensum ist, und wissen, wie lange Zeit ich habe. Dann kann ich leicht berechnen, ob ich allein fertig werde, oder etwa Herrn Ranks Hilfe in Anspruch nehmen muß. Auf die Arbeit selbst freue ich mich sehr. – Über meine Angelegenheit mit Jung kann ich noch nichts Neues berichten, da ich noch auf Antwort warte. Die Ausarbeitung der Soma-Sage nimmt doch mehr Zeit in Anspruch, als ich dachte, da Kuhn hier nur eine unvollständige Deutung gibt. Ich muß
-
S.
also auf eigne Faust vorgehen und deshalb doppelt vorsichtig sein. Die Deutung ist aber höchst interessant, gibt auch wieder die Schichtung wie in der Prometheus-Sage und dieselben Wunscherfüllungen. Ich bin Ihnen für den Rat, diese Sage noch mit aufzunehmen, aufrichtig dankbar. Im Anschluß an den »Witz« ist mir wieder einiges aus der Psychologie der Geisteskrankheiten klar geworden, besonders das Verhalten der sogenannten Querulanten. Ich werde es Ihnen gelegentlich einmal mitteilen. Dr. Hirschfeld habe ich für seine Zeitschrift einen Beitrag (Über Sublimierungen des Sexualtriebs) versprochen. Es gibt also in der nächsten Zeit genug
-
S.
zu tun. Die Praxis macht sich leidlich. Die Analyse bei dem Homosexuellen geht ziemlich gut vorwärts und hat deutlichen Erfolg. Ob ich es freilich dahin bringe, daß er in der Ehe potent wird, ist mir noch zweifelhaft. Er ist beinahe 40 Jahre alt und acht Jahre verheiratet. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr sehr ergebener
Karl Abraham
Schöneberger Ufer 22
Berlin-Wilmersdorf 10785
Duitsland
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
C15F3