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    Berlin, 29. 1. 1908

    Sie haben es hoffentlich nicht als Interesselosigkeit aufgefaßt, daß ich bisher nicht geschrieben und speziell mich nicht nach dem Ergehen Ihrer Patientin erkundigt habe. Die in Berlin grassierende Influenza hat auch mich nicht verschont, und so mußte ich das Schreiben verschieben. Ich möchte Sie recht sehr bitten, mir im nächsten Briefe zu berichten, wie es Ihrem Frl. Tochter geht. Aber wenn Sie zum Schreiben gegenwärtig nicht aufgelegt sind, bitte ich Sie, auf meine folgenden 

  • S.

    Fragen und Mitteilungen vorläufig nicht einzugehen. Auch aus Ihrem letzten Briefe habe ich wieder Wichtiges gelernt. Es stimmt immer alles so unglaublich gut mit meinen Patienten! Vor kurzem hatte ich wieder einmal Gelegenheit, mich zu überzeugen, wie ich ohne Kenntnis Ihrer Auffassungen die meisten Fälle von Neurosen gar nicht verstehen würde. An einem Tage kamen zwei Fälle von Angstneurose, beides Männer, als wenn sie verabredet hätten, mir die Haupt-Ätiologien ihrer Krankheit vor Augen zu führen. Beim einen Congressus interruptus, beim andern frustrane Erregung als 

  • S.

    Hauptfaktor der Krankheit nachweisbar. Bei beiden kam ich durch wenige Fragen der Sache auf den Grund und erwarb mir durch diese Sicherheit rasch ihr Vertrauen. Bei beiden nimmt die Behandlung einen sehr befriedigenden Fortgang. Über die sehr interessanten Symptome des einen darf ich Ihnen vielleicht später einmal berichten. Von dem andern nur nebenbei eine Kleinigkeit. Ich sprach mit seiner Frau unter vier Augen und beruhigte sie wegen der Impotenz des Mannes. Kaum hatte ich gesagt, die Potenz könne sich wiederherstellen, begann die Dame ihr Täschchen, das sie bisher ruhig an der 

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    Kette gehalten hatte, zu öffnen und zu schließen. – Der Patient mit Zwangssymptomen, wegen dessen ich neulich Ihren Rat erbat, hat sich ein wenig gebessert und dann die Geduld verloren. Ich mußte die Analyse, die sehr schwerfällig vorwärts ging, abbrechen. Von Jung habe ich die Einladung nach Salzburg erhalten. Da ich hoffe, an der Versammlung teilnehmen zu können, habe ich einen Vortrag über »psychosexuelle Differenzen der Hysterie und Dementia praecox« angemeldet. Mir sind zu dem Thema noch einige neue Gesichtspunkte eingefallen, die gut 

  • S.

    zur Autoerotismus-Theorie passen. Ich hoffe, Sie sind mit dem Thema zufrieden. Da Sie früher anerkannt haben, daß ich in der damaligen Arbeit das Problem bei der wichtigsten Seite, der Sexualität, angefaßt hätte, so hielt ich es für wichtig, auf dem ersten Kongreß zu betonen, daß die Sexualität den Kernpunkt bildet. Ich erhielt soeben von Juliusburger ein Referat seines Vortrags »Beitrag zur Lehre von der Psychoanalyse«. Wenn Sie es nicht auch bekommen haben, könnte ich es Ihnen zuschicken. Nun für heute noch eine Frage. 

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    In dem ersten Aufsatz über die Angstneurose sagen Sie, der Affekt bei den Phobien der Angstneurose sei auf psychotherapeutischem Wege nicht zu bekämpfen. Nehmen Sie noch den gleichen Standpunkt ein? Es interessiert mich dies für einen meiner beiden Fälle. Die Praxis geht ganz nett, jedenfalls besser als die der meisten Anfänger. Ich besuche häufig Oppenheims Poliklinik. Leider fehlt dort alles Verständnis für das Psychische. In den letzten Tagen z.B. gingen ein paar besonders merkwürdige Fälle von Tic bei Knaben in dem großen Betrieb vollkommen verloren. 

  • S.

    Man registriert die Diagnose, verordnet Arsen, Wasser und Gymnastik. Noch könnte ich Ihnen von einem wissenschaftlichen Plan berichten, der mich sehr beschäftigt, ich möchte aber warten, bis die Arbeit greifbarere Formen angenommen hat, um Sie nicht zu viel zu bemühen. Es soll etwas ganz Freudsches werden. Nun füge ich die besten Grüße für Sie und die werten Ihrigen und den Wunsch einer raschen Genesung für Ihr Frl. Tochter hinzu. Wir bedauern außerordentlich, daß der sicher erwartete Besuch uns vorläufig entgeht. Ihr sehr ergebener

    Karl Abraham