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Berlin, 11. V. 08.
Sehr verehrter Herr Professor,
Ich war im Begriff, Ihnen zu schreiben, als Ihr Brief vom 9. d. eintraf. Daß ich Ihnen nicht früher antwortete, geschah nur im Interesse der Sache. Als ich den ersten Brief gelesen hatte, war ich nicht in allen Punkten Ihrer Ansicht und ließ ihn daher ein paar Tage lagern. Nun konnte ich ihn sine ira et studio lesen und überzeugte mich von der Richtigkeit Ihrer Argumente. Mit dem Schreiben nach Zürich habe ich dann nicht mehr gezögert, es aber nicht sogleich abgesandt. Ich wollte nach einigen Tagen feststellen, ob nicht irgendwo etwas verborgen wäre, was aus der Annäherung einen Angriff gemacht hätte. Ich weiß, daß es mir schwer wird, das Polemische ganz zu vermeiden, und die nachherige Durchsicht
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des Briefes gab mir recht. Gestern habe ich dann den Brief in endgültige Form gebracht. Ich hoffe, er wird nun der Sache dienen. Ihnen, verehrter Herr Professor, wollte ich erst schreiben, wenn der Brief an Jung erledigt war. Sie werden mein Schweigen also gewiß entschuldigen. Jetzt, da ich die Angelegenheit in aller Ruhe betrachte, muß ich Ihnen für Ihre Intervention danken, zugleich auch für das Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß die Angelegenheit bei mir irgendeine Verstimmung hinterläßt. Ich hoffe, daß mein Vorgehen den gewünschten Erfolg hat; ich werde Sie jedenfalls von dem Verlauf in Kenntnis setzen. Eigentlich bin ich ganz ohne Schuld in den Konflikt hineingeraten. Im Dezember
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fragte ich Sie, ob ich bei dem Thema nicht mit Jung kollidieren könne, dem Sie Ihre Ideen ja auch mitgeteilt hatten. Sie zerstreuten damals meine Bedenken. Mein Manuskript für Salzburg enthielt eine Bemerkung, die Bleuler und Jung gewiß befriedigt hätte; ich habe sie einem plötzlichen Impulse folgend nicht mit vorgelesen. Ich täuschte mich momentan durch ein Deckmotiv – Zeitersparnis –, während der wirkliche Grund in einer Animosität gegen Bl. und J. bestand. Diese war verursacht durch die letzten allzu konzilianten Veröffentlichungen beider, durch Bl.s Berliner Vortrag, der von Ihnen nichts erwähnte, und durch mancherlei Kleinigkeiten. Daß ich Bl. und J. nicht nannte, bedeutet offenbar:
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»sie schwenken von der Sexualtheorie ab, dann werde ich sie doch nicht im Zusammenhang mit dieser zitieren.« – Daß diese Unterlassung ernstere Folgen nach sich ziehen könnte, kam mir im Moment natürlich nicht zum Bewußtsein. Ihrem Wunsche entsprechend wird die Publikation des Vortrags kein Wort über den Kongreß enthalten. Ich hoffe, nun alles in Ihrem Sinne geregelt zu haben. So weit es an mir liegt, soll das gute Einvernehmen nicht gestört werden. Ich möchte Sie noch recht herzlich bitten, auch weiter offene Kritik an mir zu üben. Ich werde mich immer bemühen, Ihren Anschauungen zu folgen. Nachdem ich in so vielen wissenschaftlichen Fragen, in denen ich Ihnen zuerst nicht folgen konnte, nachträglich ganz
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zu Ihrer Ansicht bekehrt worden bin, wird mir dies in Zukunft wohl auch gelingen. Daß es mir leichter wird, mit Ihnen zu gehen als Jung, das gebe ich gern zu. Ich habe diese intellektuelle Verwandtschaft auch immer gefühlt. Die talmudische Denkweise kann ja nicht plötzlich aus uns verschwunden sein. Vor einigen Tagen wurde ich im »Witz« durch einen kleinen Absatz in eigentümlicher Weise gefesselt. Als ich ihn genauer betrachtete, fand ich, daß er in der Technik der Gegenüberstellung und im ganzen Aufbau durchaus talmudisch war. Übrigens habe ich mich in Zürich immer gefreut, daß Bleuler und Jung die in ihrer andern Veranlagung begründeten Widerstände so gut überwanden. Um so schmerzlicher der Umschwung!
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Die gewünschten Änderungen im »Traum und Mythus« sind zum Teil schon erfolgt; die übrigen werde ich noch in dieser Woche vornehmen. – Dr. Hirschfeld habe ich besucht und einen Eindruck empfangen, der weit besser ist als sein Ruf. Er bat mich u.a., bei der Umarbeitung eines Fragebogens mitzuarbeiten, den er auch Ihnen vorgelegt habe. Einige Tage nach meinem Besuch schickte er mir einen Homosexuellen zur Psychoanalyse zu. Mit herzlichem Gruß Ihr ergebener Karl Abraham
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