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Berlin, 8. III. 08.
Sehr verehrter Herr Professor,
Für Ihren Brief und die Rücksendung der Träume danke ich Ihnen sehr. Ich hatte die letzteren übrigens gar nicht zurückerwartet. Wenn das Verlegen, von dem Sie schreiben, eine Besitzergreifung bedeuten sollte, so schicke ich sie Ihnen gern wieder zu. Es freut mich sehr, daß Sie meinen Plan billigen. Ich werde mir die Schrift von Winckler verschaffen und bin gespannt, nach welcher Richtung sie meine Resultate bestätigt oder umwirft. Ich glaube aber kaum, daß sie zu meinem speziellen Paradigma (Prometheus) Besseres geben kann
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als die klassische Deutung von Kuhn. Kennen Sie diese? Ich wünschte, die Arbeiten von Riklin und Rank wären schon heraus, da ich mich in manchem auf sie beziehen könnte. Ich habe jetzt ein ziemlich großes Stück niedergeschrieben; jedenfalls beschleunige ich die Arbeit so sehr ich kann. Wie gewöhnlich komme ich nun mit Fragen. Ich beobachtete bei zwei geisteskranken Frauen ein mir auch sonst bekanntes Symptom: sie klagen beide über ein spannendes, zusammenziehendes Gefühl um den Mund, als wenn er zugeschnürt wird. Bei der einen rückt das Gefühl vom Munde jetzt allmählich ab und geht auf Wangen und Stirn über. Daß eine Verlegung nach oben vorliegt ist ja klar. Ich weiß nun von beiden Pat., daß sie eine
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(bei der einen verdrängte) Abneigung gegen ihren Mann haben. Die eine duldet den sexuellen Verkehr fast gar nicht, reagiert eventuell sogar mit körperlichen Symptomen des Widerwillens und Ekels. Bedeutet nun das zusammenschnürende Gefühl um den Mund vielleicht einen nach dem Munde verlegten Vaginismus? Letzterer ist doch auch nur Ausdruck des Widerwillens. Ist Ihnen Ähnliches aus andern Fällen bekannt? Nun eine Frage zur Traumdeutung. Auf S. 217 sprechen Sie von dem Ausdruck der logischen Relationen, u.a. von: »entweder - oder«. Ich habe in dieser Hinsicht einen sehr instruktiven Fall erlebt. Wir hatten Besuch von einer befreundeten Dame, die, väterlicherseits von jüdischer Abstammung, sich mit einem
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jüdischen jungen Manne verlobt hatte. Von Seiten der beiderseitigen Familien waren schwere Widerstände gegen die Verbindung zu erwarten. Jahrelang waren sie heimlich verlobt, bis sie sich entschlossen zu heiraten. In der Zeit der schwierigsten Auseinandersetzung mit den Familien besuchte die Dame uns. Nach der ersten Nacht erzählte sie mir einen Traum, den ich sofort deuten konnte. Dies interessierte sie sehr, und am andern Morgen sagte sie mir: »Diese Nacht habe ich fünf Träume gehabt«. Sie konnte sie alle sehr gut erzählen; offenbar hatte sie mit dem Wunsch geträumt, sich die Träume von mir deuten zu lassen. Alle fünf Träume drehten sich natürlich um die Heirat, jeder behandelte das Thema aber von einem andern Gesichtspunkt. So stellten die fünf Träume
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die folgenden fünf Möglichkeiten dar. 1.) sie könnten einfach in wilder Ehe zusammen leben. 2.) sie könnten sich zivil trauen lassen, ohne daß einer von beiden sein Bekenntnis aufgäbe. 3.) er könnte sich taufen lassen. 4.) sie könnte zum Judentum übertreten, in beiden letzteren Fällen mit nachfolgender bloßer Ziviltrauung. 5.) sie tritt über, und sie lassen sich nach jüdischem Ritus trauen. In jedem Traum wurde das Paar durch Verwandte oder Bekannte vertreten, die für den Fall paßten. Die Deutung gelang in allen Fällen leicht, und ich konnte nicht anders, als die fünf Träume als Ausdruck sämtlicher Zukunftsmöglichkeiten auffassen. Ich finde diese Art, ein »entweder – oder« auszudrücken, sehr bemerkenswert und wüßte
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