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Berlin, 8. I. 08.
Sehr verehrter Herr Professor,
Zunächst haben Sie vielen Dank für Ihren Brief. Daß Sie begierig sind, »vieles« von mir zu hören, ist gut, denn ich habe sehr viel auf dem Herzen. Mit dem Anfang der Praxis bin ich ganz zufrieden. Durch Oppenheims Empfehlung habe ich zwei Zwangsneurosen in Behandlung, bei der einen hat O., weil alle andern Methoden vergeblich angewandt worden sind, sogar direkt um einen Versuch mit Ihrem Verfahren gebeten! Gerade dieser Fall, eine schwere Form von Zwangs
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enken, macht mir viel Kopfzerbrechen. Der Patient hat 1.) zwangsmäßiges Beten, 2.) muß er jeden Gegenstand genau betrachten und über seine Entstehung nachdenken und geht dabei in der bekannten Weise auf die kosmischen Probleme über. Der Patient hat eine sehr hübsche Deckerinnerung spontan vorgebracht: Als siebenjähriger Knabe sah er einmal zufällig, wie eine Frau im Streit mit Nachbarn ihre Röcke hob und der Gegenpartei den bloßen Hintern zeigte. Pat. erzählte dies zu Hause dem Dienstmädchen; dieses sagte, er sei sehr unanständig, und drohte, der Polizist werde ihn holen etc. Da habe er große Angst bekommen und an
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gefangen zu beten, habe bald von dem Zwang zu beten nicht mehr loskommen können, sich Zettel vollgeschrieben mit allen möglichen Gebetsformeln, um nichts auszulassen etc. – Es gelang mir dann, nach und nach aus der Verdrängung eine Reihe analoger Fälle hervorzuholen: wie er als Vierjähriger im Bett mit der früheren Amme schlief und ihr das Hemd vom Gesäß streifte (wahrscheinlich setzte er hier Brüste und Nates gleich), wie er später, als ihn die Mutter einmal ins Bett nahm, dasselbe bei ihr tat, worauf sie ihn wegen seiner Unanständigkeit schalt. In diese Zeit fällt das Erlebnis mit der Nachbarsfrau! Hier war Pat.
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nur Zuschauer einer Entblößung, in den andern Fällen hatte er sie aktiv herbeigeführt. Daher wird jene Szene erinnert und deckt die peinlicheren. Dann folgen verdrängte Erinnerungen, wie er später das Bett mit dem ältesten Bruder teilte und dessen Genitalien betastete, und noch mehrere Vorkommnisse: wie er sich mit einem gleichaltrigen Mädchen einschloß und ihr Gesäß berührte. Kurz, bis zum 18. Jahre immer analoge Erlebnisse. Das Beten besteht bis auf den heutigen Tag, von zeitweisen Remissionen abgesehen, und erklärt sich gut aus den Selbstvorwürfen über sexuelle Handlungen. Sicher spielt das Betrachten der weiblichen
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Rückseite auch in das zwangsmäßige Betrachten indifferenter Objekte hinein. Ich habe bemerkt, daß Pat. die Gegenstände beim Betrachten immer sofort umdreht, so daß er die Rückseite vor sich hat. Soweit bin ich ohne allzu große Widerstände in zwei Sitzungen gekommen. Aber nun sitze ich fest. Ich suche vergeblich nach analogen Vorkommnissen im späteren Leben. Pat. hat wiederholt jahrelang fast gar nicht unter den Zwangssymptomen gelitten, vor fünf Jahren und vor einem Jahr dagegen traten die alten Erscheinungen wieder sehr heftig auf. Läßt sich etwas Allgemeines darüber sagen, wodurch diese Verschlimmerungen veranlaßt werden? Ferner bin ich sicher,
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nur erst einen Teil des verdrängten Materials bloßgelegt zu haben, aber ich finde bisher keinen Zugang. Vielleicht wissen Sie aus ähnlichen Fällen einen Weg anzugeben, wie man an die tieferen Schichten herankommt. Endlich wüßte ich gern, ob man aus dem Thema des Grübelzwanges irgend etwas schließen kann. Mein Pat. zerbricht sich über die Entstehung der Gegenstände, das Material, aus dem sie gemacht sind etc., den Kopf. Gibt es hierfür eine bekannte Determination? Die allgemeine Erklärung des Grübelns ist mir bekannt; kann man aber aus der Art der Probleme, die der Pat. sich stellt, etwas schließen?
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Der Fall Grabower scheint mir zu unsrer Auffassung der Dementia praecox, resp. zur Abgrenzung gegen die Neurosen, sehr wichtig. Die Ähnlichkeit mit der Zwangsneurose geht sehr weit. Ich halte folgende Gesichtspunkte für diagnostisch entscheidend (von den in den letzten Jahren hinzugetretenen groben psychotischen Symptomen abgesehen): 1.) Pat. überträgt in früher Kindheit sehr stark auf die Mutter, will sie ganz für sich allein, ist eifersüchtig auf Vater und Bruder, vergöttert die Mutter, ist überschwänglich zärtlich. Alles dies dauert bis zu dem Augenblick, da sie ihn in ein Pensionat bringt. Bei einem Neurotiker würde nun eine starke Gefühlsreaktion eintreten,
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die Sehnsucht unerträglich werden etc. Bei G. erfolgt jetzt die schroffe Abkehr der Libido. Von nun an »schneidet« er die Mutter, erwähnt sie nicht mehr in den Briefen, behandelt sie mit kalter Förmlichkeit. Jetzt nimmt er von ihrem Besuch noch keine Notiz, zerstört die mitgebrachten Geschenke. 2.) Bezeichnend für die Dementia praecox ist der frühe Negativismus = Sexualablehnung. Die Mutter sagt: er war schon mit zwei Jahren der Geist, der stets verneint. 3.) Die frühen Automatismen, z.B. Schreianfälle. Als ganz kleiner Knabe wurde er einmal deswegen zur Rede gestellt und antwortete: Ach lieber Vater, es schreit ja von alleine. – Der Fall deckt sich übrigens bis ins Detail mit den zwei Fällen von Zwangssymptomen
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in früher Jugend bei Dementia praecox, von denen ich Ihnen erzählte. Bei einem derselben spielt auch die Großmutter die seltsame Rolle. Ich habe folgende Vermutung bezüglich Grabower, über die ich gern Ihre Ansicht hätte: Nach Ihrer Analyse war Pat. beim Koitus der Eltern zugegen. Sollte er nicht dieses Erlebnis von der damals geliebten und eifersüchtig bewachten Mutter auf die ihm kaum bekannte Urgroßmutter verschoben haben? Er hat ja auch zwangsweises Aussprechen von obszönen Worten, besonders für die weiblichen Genitalien. Ich vermute, er will diese peinlichen Vorstellungen von der Mutter trennen und verbindet sie mit einer anderen weiblichen
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Person, die er nur ein- oder zweimal gesehen hat. – Ich hätte noch viel über diesen Fall zu sagen, möchte heute aber lieber noch einiges Andre vorbringen.Ich wüßte gern, ob das erste Traum-Paradigma in der Traumdeutung absichtlich unvollständig gedeutet ist. (»Irmas Injektion«). Ich finde, daß Trimethylamin auf den wichtigsten Teil führt, auf sexuelle Andeutungen, die in den letzten Zeilen immer deutlicher werden. Alles weist doch auf den Verdacht syphilitischer Infektion bei der Patientin hin: der Fleck im Mund = Plâque, die Infektion, die Injektion mit TrimethylaminC, die leichtfertig gemacht worden ist, die unreine Spritze (!!). Ist nicht
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dies die organische Krankheit, für deren Fortbestehen man Sie nicht verantwortlich machen kann?, weil Lues oder ein von ihr herrührendes Nervenleiden durch psychische Behandlung nicht zu beeinflussen ist. Ich bin noch nicht zufrieden! Ich lese nämlich die Traumdeutung wieder einmal durch und finde allerhand zu fragen. Für heute nur noch die Fliegeträume. Die infantile Quelle scheint mir klar, ich glaube aber noch eine aktuelle gefunden zu haben. Folgender Traum einer Bekannten ist die Veranlassung. Die Dame träumt, sie schwebe als rosafarbenes Wölkchen
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am Himmel dahin. Dann kommt eine große Hand, verfolgt sie; kommt immer näher und ergreift sie zuletzt. Zu diesem ästhetisch sehr schönen Traum finde ich folgende Deutung. Zwei Schwestern der Träumerin sind schon längere Zeit verheiratet, eine dritte hat sich kurz vor dem Traume verlobt, sie allein ist übrig geblieben, ist nicht mehr jung und wird seit einiger Zeit sehr korpulent und fürchtet offenbar, sitzen zu bleiben. Im Traume ist sie ätherisch leicht statt korpulent, und eine männliche Hand findet sie begehrenswert. Sollte nun nicht auch bei andern das Fliegen im Traum
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bedeuten: ich möchte leichter sein? Vielleicht haben Sie Erfahrungen darüber. In der Traumdeutung bedauern Sie, bezüglich der Träume Gesunder ganz auf die Selbstanalyse angewiesen zu sein. Falls Ihnen für die neue Auflage an ein paar hübschen, analysierten Träumen Gesunder gelegen ist, so könnte ich Ihnen verschiedene von mir und meiner Frau mitteilen. – Der Psychiater-Kongress in Berlin ist am 24./25. April. Bleulers Referat ist jetzt offiziell angezeigt. Hoffentlich fällt Salzburg nicht allzu nahe damit zusammen. Ich Egoist möchte gern beides mitmachen. Durch Jung hörten Sie gewiß schon von dem
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Umschwung in Jena. Es geht also jetzt vorwärts. Ich hörte in letzter Zeit von verschiedenen Ärzten, die sich mit Ihren Schriften intensiv befassen. Von Maeder in Zürich ist eine kleine Schrift zur Psychopathologie des Alltagslebens erschienen. Allmählich wird es doch noch eine Lust zu leben. Zum Schluß danken meine Frau und ich Ihnen für das ihr erliehene ehrenvolle Prädikat. Wie kommen Sie nur zu diesem Urteil?? Mit den herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus und der Bitte um freundliche Empfehlung an die Mittwochsgesellschaft.
Ihr dankbar ergebener
Karl Abraham
Die junge Frau, nach der Sie fragen, war noch nicht hier.
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