• S.

    Zürich, 6.10.07 Burghölzli

    Hochgeehrter Herr Professor,

    Verzeihen Sie, wenn ich mich heute an Sie wende, ohne Ihre Antwort auf meinen letzten Brief abzuwarten. Es handelt sich dieses Mal nicht um wissenschaftliche Dinge, sondern um etwas Persönliches. Ich habe vor, in ca. einem Monat Zürich zu verlassen. Ich gebe damit zugleich meine bisherige Tätigkeit als Irrenanstaltsarzt auf. Die Gründe liegen nahe: ich bin in Deutschland als Jude, in der Schweiz als Nichtschweizer, während sieben Jahren nicht über eine Assistentenstelle hinausgekommen. Ich will es nun in Berlin mit der Praxis versuchen, als Spezialist

  • S.

    für nervöse und psychische Krankheiten. An Neurologen ist nun in Berlin freilich kein Mangel. Ich setze aber auf zweierlei meine Hoffnung: erstens auf die Anwendung der Psychoanalyse und zweites auf meine psychiatrische Vorbildung, die den Berliner Ärzten durchweg gänzlich fehlt. Sie werden bereits erraten, warum ich Ihnen schreibe. Ich möchte Sie um Ihre Empfehlung bitten, falls Sie in die Lage kommen, in Berlin einen Arzt für psychische Behandlung empfehlen zu müssen. Ich verhehle mir keineswegs die Schwierigkeiten, denen ich begegnen werde, und möchte Sie daher ferner um Erlaubnis fragen, ob ich mich 

  • S.

    gegebenen Falles um Rat an Sie wenden dürfte. Für Ihre gütige Unterstützung in beiden Hinsichten wäre ich Ihnen zu größtem Danke verbunden. Meine Arbeit über das sexuelle Jugendtrauma konnte ich leider noch nicht publizieren, da die Vorbereitungen für die Übersiedlung nach Berlin und andres mich zu sehr in Anspruch nahmen. Doch hoffe ich, sie noch in diesem Monat zum Abschluß zu bringen. Alsdann werde ich mir vielleicht gestatten, Ihnen wieder einiges Neue vorzulegen. Ihr hochachtungsvoll ergebener
    Dr. K. Abraham