• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    3.1.99
    Theurer Wilhelm

    Ich bin doch erste, der Nachricht von
    sich gibt. – Nach dem Untergang
    des Meteors giebt es einen Licht-
    schein, der den trüben Him̄el 
    auf lang hinaus erhellt. Er ist für mich
    noch nicht verlöscht. In der Hellig-
    keit habe ich dann auch plötzlich
    einiges erblickt, u meinen Besitz
    an „Stimmung" haben dann auch
    die ersten geschäftlichen Unannehm-
    lichkeiten des neuen Jahres nicht stören
    können.

    Zuerst hat sich ein Stückchen Selbstanalyse
    durchgerungen u mir bestätigt, daß 
    die Phantasien Produkte späterer
    Zeiten sind, die sich von der damaligen
    Gegenwart bis in die erste Kindheit
    zurückprojiziren, u auch der Weg,
    auf dem das geschieht, hat sich ergeben, 
    wieder eine Wortverbindung. 

  • S.

    Auf die Frage, was ist in der ersten
    Kindheit vorgefallen, lautet die
    Antwort: Nichts, aber es war ein
    Keim sexueller Regung da. Die
    Sache wäre glatt u schön zu erzählen 
    geschrieben würde sie 1/2 Bogen füllen,
    also für den Ostercongreß, 
    nebst anderen Aufschlüßen über meine
    Jugendgeschichte.

    Dann habe ich ein neues psychisches
    Element erfaßt, daß ich für allgemein 
    bedeutsam u für eine Vorstufe
    des Symptoms (noch vor der Phantasie)
    auffasse.

    4/1 Gestern wurde ich müde u heute kann
    ich in der beabsichtigten Richtung
    nicht weiterschreiben, weil die
    Sache wächst. Es ist etwas daran. Es
    däm̄ert. In den nächsten Tagen
    kom̄t sicherlich noch mehr dazu.
    Ich schreibe Dir dann, wenn es
    durchsichtig geworden ist. Ich will
    Dir nur verrathen, daß das
    Traumschema einer allgemeinsten 
    Anwendung fähig ist, daß im Traum

  • S.

    wirklich der Schlüßel mit zur Hysterie
    liegt. Ich verstehe jetzt auch, warum ich
    den Traum trotz aller Bemühg nicht
    abgeschlossen habe. Wenn ich noch
    ein Stück warte, kann ich den
    psych Vorgang im Tr so darstellen,
    daß er mir den Vorgang bei der
    hyst. Symptombildung miteinschließt. 
    Also warten wir.

    Etwas Erfreuliches, was ich gestern schon
    Dir schreiben wollte, ist eine Sendung

    aus – Gibraltar von Mr. Havelock
    Ellis, einem Autor, der sich mit dem
    sex. Thema besch ftigt u offenbar
    ein sehr netter u gescheuter Mensch
    ist, denn sein im Alienist und Neurologist 
     (Oct 98) erschienener Aufsatz, der die
    Beziehung der Hysterie zum Sexualleben 
    behandelt, mit Plato anfängt u mit Freud
    aufhört, giebt letzterem sehr viel
    Recht u würdigt die Studien über Hysterie
    sowie spätere Ansätze in sehr verständiger
    Weise. Selbst Gatte! wird darin citirt.

  • S.

    Am Ende nim̄t er ein Teil des Lobes
    wieder zurück aber es bleibt etwas
    übrig u der gute Eindruck ist nicht
    mehr zu verwischen. Soll ich unseren
    Oscar bereits warnen oder warten
    warten wir noch zu?

    Jetzt sieh einmal an. Ich lebe da verdrossen
    u in Dunkelheit, bis Du kom̄st; ich
    schimpf' mich aus, entzünde mein flackerndes
    Licht an Deinem ruhigen, fühle wieder
    wol u nach Deiner Abreise habe ich
    wieder Augen bekom̄en zu sehen 
    u was ich sehe, ist schön u gut. Ist es
    nur der Termin, der noch ausgestanden
    war, oder können aus den vielen 
    für alle Zwecke reichenden Tagen
    nicht die Termine geschaffen werden
    durch die seelischen Einflüße,  die 
    den Wartenden treffen? Muß 
    nicht ein Platz dafür gelassen werden 
    so daß durch die Zeit nicht die Kraft
    aus der Betrachtg verdrängt wird? 

    Ich grüße Dich u die Deinigen
    herzlichst Dein Sigm