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S.
Wien 16. 5. 97
Theurer Wilhelm
Ich werde mir jetzt einen schönen Son̄tag
Abend machen u mich für Deinen
letzten Brief bedanken, der so sehr
erquicklich war. Bunge hat mir
sehr wol gethan. Wir wollen ja nicht
die einzigen gescheuten Leute in
der Welt sein; was uns einleuchtet,
muß noch einigen tüchtigen Kerlen
gefallen. Bunge wiegt nun wol
einen ganzen Schock Universitäts-
professoren auf. Ich habe es mir erspart,
Dir von zwei elenden Kritiken
Nachricht zu geben, die seit Nürnberg zu
meiner Kenntniß gekom̄en sind, – eine
davon von einem Assistenten Chrobak`s.
Du kannst es ruhig hinnehmen.Die geistige Erfrischung habe ich Deinem
Briefe selbst angemerkt. Ich hoffe,
jetzt bist Du wieder für lange
Zeit der Alte u läßt Dich auch
von mir als wolgeneigtes Publikum
weiterhin mißbrauchen. Ohne
solches kann ich eigentlich doch nicht
arbeiten. Wenn es Dir recht ist,
mache ich's ähnlich wie letztes Mal,
schicke Dir was ich an Notizen
fertig habe mit der Bitte, es mir
auf Verlangen zurückzuschicken. -
S.
Wo im̄er ich anfange, ich bin doch
gleich wieder bei den Neurosen
u beim ψ Apparat. Es ist gewiß
nicht persönliche oder sachliche
Theilnahmslosigkeit, wenn ich nichts
anderes aus der Feder bringe.Es gärt u brodelt bei mir, es wird
nur ein neuer Schub abgewartet.
Zu der vorläufigen Gesamtdarstellg,
die Du wünschest, kann ich mich
nicht entschließen; eine unklare
Erwartg, in kurzer Zeit käme
etwas Wesentliches hinzu ist es
glaube ich, was mich hindert. Dagegen
hat es mich gedrängt mit der Bearbeitg
des Traumes zu beginnen, wo ich mich
so sicher fühle u es auch nach Deinem
Urtheil darf. Ich bin zunächst unter-
brochen worden, mußte in Eile einen
Auszug aus meinen sämtlichen
Arbeiten für den Druck fertig machen,
die Abstim̄ung soll noch dieser Tage
erfolgen. Jetzt bin ich fertig u denke
wieder an den Traum. Ich habe
in die Literatur hineingeblickt
u kom̄e mir vor wie das keltische
Zaubermännchen „Ach wie bin ich
froh, daß es niemand, niemand
weiß –".Niemand hat eine Ahnung
davon, daß der Traum kein Unsinn -
S.
ist, sondern eine Wunscherfüllung. Ich weiß nicht, ob ich Dir's nicht schon geschrieben habe; doch sicherlich, und nur zur Vorsicht wiederhole ich's, da nun die Quelle der Gehörshalluzinationen der Paranoia aufgedeckt ist. Die Phantasien stammen auch bei Hysterie aus dem Gehörten und nachtriiglich Verstandenen.
Ein stolzes Schiff ist mir wenige Tage nach der Rückkehr zu Grund gegangen. Mein Bankier, der am weitesten in der Analyse war, ist an einem entscheidenden Punkte, kurz ehe er mir die letzten Szenen bringen sollte, ausgesprungen. Es hat mich sicherlich auch materiell geschädigt, mich überzeugt, da ich die Triebfedern der Sache doch noch nicht alle kenne. Aber erfrischt, wie ich war, habe ich's leicht getragen und mir gesagt, ich warte also noch länger auf eine vollendete Kur. Es muß möglich sein und gemacht werden. Cousine D. v. F. dürfte dieser Tage abreisen oder wenigstens aufhören.
Sie hat sich sehr verdreht benommen, ob es ihr genützt hat und ob sie fortsetzen wollen wird, steht dahin. Von Beendigung
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S.
der Sache natürlich keine Rede.
Ich wollte die Kinder am 18t nach Aussee
schicken, Martha wäre bis Pfingsten
hier geblieben. Das elende Wetter
hat uns zu einem unbestim̄ten
Aufschub genötigt. Martin hat
wieder einen Anfall gehabt von
ungefährlicher Dichteritis, etwas
verfrüht dießmal, 35 Tage nach
dem vorigen Gedicht, aber 35 + 56 = 91naseit der vorigen Halsentzündg.
Übrigens dauerte die Inspiration
dießmal länger als 2 Tage, gleichzeitig
verlor er, 2 Tage auseinander, 2
Zähne. Es war ein Gedicht „Feier-
tag im Walde" u dan̄ ein zweites
noch unvollendetes, „Jagd". Daß
die Operation bei ihm vollzogen
worden, kan̄st Du Dir aus folgendem
Vers erschließen, der in seinen
„Gesprächen der klugen Thiere" vor-
kom̄t:„Hase", spricht das Reh,
„Thut's Dir beim Schlucken im Halse noch weh?"Es ist über alle Maßen komisch,
wenn angesichts dieser Produktion
0li über die nicht vermiedenen
orthographischen Fehler entrüstet -
S.
ist. Wirklich der Xenophon der fliegenden
Blätter, als die Griechen das Meer
wiedersahen u entzückt θάλασσα
riefen („man kan̄ auch θάλαττα sagen")Mathilde begeistert sich jetzt für Mytho-
logie u hat unlängst bittere Thränen
darüber geweint, daß die Griechen,
die solche Helden waren, sich solche
Schläge von den Türken geholt
haben. Recht amüsantes Gesindel.– Nebenbei, bist Du nicht in Bozen
mit Breuer's zusam̄getroffen?
Sie sind am selben Tag von hier
dorthin abgereist, an dem ich ange-
kom̄en bin. Es sind schon 4 Wochen
seit jenem schönen ersten Ostertag.Ich habe jetzt einige neue Hörer
u einen wirklichen Schüler aus
– Berlin, einen Dr Gattl, der
Assistenzarzt in der Levinstein'schen
Maison de Santa war u hieher ge-
kom̄en ist, von mir zu lernen.
Ich versprach, ihm Unterricht, mehr
nach altklassischer Weise (im Spaziren-
gehen) als im Laborator u Kranken-
saal zu geben u bin neugierig
wie er sich machen wird. Er ist -
S.
übrigens Halbamerikaner u
Neffe von Prof Dreschfeld in
Manchester.Ich habe dieser Tage noch allerlei
gute Einfälle für Dich gehabt, sie
haben sich aber sämtlich wieder
zurückgezogen. Ich muß auf den
nächsten Schub warten, der sie
wiederbringt. Bis dahin möchte ich
gerne gute u reichliche Nachricht
von Dir Ida u Robert haben,
auch wie dem alten Siber und
Deiner Mutter geht.Herzlichste Grüße u
Glückauf zur Arbeit
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
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C26F17