• S.

    Wien 10. 7 93

    Liebster Freund

    Hätten wir uns nicht volle Freiheit
    des Verkehrs vorbehalten
    so müßte ich mich heute sehr
    eindringlich entschuldigen, Du
    machst aber nicht einmal eine
    Bemerkung über meine Nach-
    lässsigkeit, die in meiner hyper
    normalen Schreibmüdigkeit
    nach einer argen Schreibcampagne
    begründet ist.

    Mit der Anfrage, wan̄ und
    wo heuer, bist Du mir nur
    um wenige Tage zuvorge-
    kom̄en. Also so: Um dieselbe
    Zeit, Mitte August oder
    etwas früher, begin̄en
    auch die Ferien, die ich mir
    diktire. Daß wir uns

  • S.

    also sehen, unterliegt keinen
    Schwierigkeiten. Wo, das wird
    von Deiner Wal abhängen.
    Ich kan̄ auf einige Tage hinkommen,
    wo Ihr seid, wenn̄ es nicht ein
    allzu entfernter u ausgefallener
    Ort ist. Unser Tirol, Bren̄er
    Suldenthal, Toblach udgl scheint
    mir genügende Auswal an
    hochgelegenen schönen Aufent-
    haltsorten zu bieten. Freilich
    wären 3 Tage Reichenau noch
    schöner u enthielten auch
    etwas für Martha, die sich
    zu meiner Freude für Ida
    so enthusiasmirt hat, wie es
    ihrer schwer zugänglichen Natur
    selten widerfährt. Die compacte
    Zeit der Ferien werde ich
    jedenfalls in Reichenau bei

  • S.

    meiner Brut verbringen, die mir
    den größten Spaß macht.

    Hysterische Lähmgen sollten schon längst
    erschienen sein, wahrscheinlich komm-
    en sie in der AugustNr 
    es ist ein ganz kurzer Aufsatz
    gewissermaßen auf einen einzigen
    Witz  geschrieben. Du erinnerst
    Dich vielleicht, daß ich die Sache
    schon hatte, al Du mein Schüler
    warst, u daß ich dem Publikum
    im Kurs damal darüber vortrug.

    Mit den Neurosen möchte ich
    Dein Gemüth nicht belasten, ich
    sehe jetzt so viel Neurasth, daß
    ich die Arbeit ganz wol im
    Verlauf von 2-3 J. auf mein
    Material beschränken kann.

    Ich löß unsere Gemeinschaft
    darum nicht auf. Erstens hoffe ich

  • S.

    daß Du den physiol Mechanism
    meiner klinischen Feststellgen
    auf Deinem Weg aufklären
    wirst, 2) will ich das Recht weiter-
    hin haben, Dir mit all meinen
    Neurosentheorien u Funden zu
    kom̄en, 3) hoffe ich noch auf Dich
    als auf den Messias, der
    das von mir aufgezeigte
    Problem durch eine technische
    Verbesserung löst.

    Deine Nasalreflexsache ist keines-
    wegs ins Wasser gefallen, das
    merkst Du ja auch selbst.
    Die Leute brauchen nur zu
    allem Zeit. Ich schicke Dir
    eine kleine Arbeit, aus der
    Du entnehmen kan̄st, daß die
    jüngere Generation sich auf
    Dich beruft. Deine Absicht

  • S.

    in Wien die Sachen zu zeigen, ginge
    vielleicht bei Hajek, Schnitzler's
    Schwiegersohn u Nachfolger. Bei
    Schrötter ginge es auch, wen̄ nicht
    der Assistent Koller, einer der
    besten Kräfte Wien's, mit mir
    sehr befreundet jetzt auf Reisen
    gänge. Mit den Großen wirst
    Du Dich wol nicht einlassen wollen.
    Chiari kan̄st Du freilich besuchen
    Wir sprechen noch darüber.

    Unsere Hysteriearbeit hat in
    Paris vonseiten Janet's
    endlich die gebührende Würdigg
    erfahren. Es war seither mit
    Breuer nicht viel zu machen:
    Hochzeiten, Reisen Praxis haben
    ihn ausgefüllt.

  • S.

    Ich merke, ich kan̄ kaum leserlich
    weiterschreiben, schließe also rasch
    mit den Versicherungen, daß
    wir uns alle wolbefinden, daß
    ich trotz mangelnder Auskunft
    dasselbe von Dir u Ida hoffe u
    daß ich mich riesig darauf freue
    die Absicht schon heuer zu ver-
    wirklichen.

    Mit herzlich Gruß
    Dein
    Sigm Freud