• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.

    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    10. 3. 98

    Theurer Wilhelm

    Deine Schläfrigkeit erklärt mir jetzt
    mein gleichzeitiges Befinden. Unser
    Protoplasma hat sich durch den gleichen
    Zeitknoten durchgearbeitet. Wie  schön
    wäre es, wenn diese verwandtschaftl
    Übereinstim̄ung eine durchgehende
    wäre; ich wüßte im̄er wie es Dir geht 
    u würde Briefe nie ohne Enttäuschg
    erwarten. Ich hoffe von Deinem „Kück",
    daß Du den Zeitpunkt, wann Deine
    Ida aufstehen kann, richtig vorherge-
    sehen hast, sonst käme ja Eure Osterreise 
    in Frage, deren Zusicherg ich sehr
    befriedigt wiederholt gefunden habe.
    An demselben Tage waren gerade
    Deine Mama u Marie bei uns; die
    einzig blühende der Familie ist
    aber entschieden Melanie. Oscar
    (meinen 0.) sehe ich sehr wenig; er scheint

     

  • S.

    zu fühlen, daß er sich mir im̄er mehr
    entfremdet. Er hat den kleinen Schritt,
    der ihn vom completen Philister ent-
    fernt hielt, jetzt wol schon gethan.

    Ad vocem Kück, es war keine kleine
    Leistung von Dir, das Traumbuchfertig fertig
    daliegen zu sehen. Es hat wieder geruht
    u das Problem unterdeß sich vertieft
    u erweitert. Es scheint mir, als ob mit
    der Theorie der W. Erfüllg nur die
    psycholog Lösung gegeben wäre,
    nicht die biologische, oder besser,
    metapsychische. (Ich werde Dich übrigens
    ernsthaft fragen, ob ich für meine
    hinter das Bw führende Psychologie
    den Namen Metapsychologie gebrauchen
    darf). Biologisch scheint mir das Traum-
    leben durchwegs von den Resten
    der praehistorischen Lebenszeit (1-3 J)
    auszugehen, ders Zeit, welche die Quelle
    des Ubw ist u die Aetiologie aller
    Psychoneurosen allein erhält, der Zeit,

  • S.

    für welche normaler Weise eine der 
    Hy analoge Amnesie besteht. Mir
    ahnt die Formel: Was in der praeh.
    Zeit gesehen wird, ergebe den Traum,
    was in ihr gehört wird, die Phantasien 
    was in ihr sexuell erlebt wird, die
    Psychoneurosen. Die Wiederholung des
    in dieser Zeit Erlebten sei an und
    für sich Wunscherfüllung, ein recenter
    Wunsch führt nur dan̄ zum Tr, wenn
    er sich mit Material zum aus dieser
    praeh. Periode in Verbindg setzen
    kann, wenn der recente Wunsch
    ein Abköm̄ling des eines praehist. ist oder
    sich von einem solchen kan̄ adoptiren
    lassen. Wie weit ich diese aufs Letzte
    gehende Theorie festhalten u wie
    weit ich sie schon im Traumbuch
    preisgeben kann, steht noch dahin.

    Mein Colleg war heuer besonders
    animirt, auch ein Assistent von Erb
    dabei. Während der unfreiwilligen
    Unterbrechg durch die Schließg der

  • S.

    Universität habe ich in meinem Zim̄er
    beim Bierkrug u bei der Cigarre
    weiter docirt. Für's nächste Semester
    habe ich außer den bisherigen
    bereits 2 Neuanmeldungen.

    Ein jüngst erschienenes Buch von ]anet 
    Hysterie et idées fixes habe ich mit
    Herzklopfen zur Hand genom̄en
    u ruhigen Pulses bei Seitegelegt.
    Er ahnt den Schlüßel nicht.

    So altere ich meist zufrieden weiter,
    sehe mich rapid grau u die Kinder
    groß werden, freue mich auf die
    Ostertage u übe mich in Geduld
    auf die Lösung der Neurosenprobleme
    zu warten.

    Ein Gerücht sagt, daß RW heuer mit-
    kom̄en wird? Lassen wir ihn
    dan̄ die Bekan̄tschaft der Kinder
    machen? 

    Mit herzlichsten Wünschen
    ​​​​​​​für rascheste Besserung
    Dein Sigm