• S.

    15 Juli 96.
    Mein theurer Wilhelm

    Eben Deinen Brief erhalten
    u mich sehr gefreut, was ich alles
    von Dir hören werde. Schade
    nur, daß ich nicht sicher weiß, wan̄.
    Es liegt nämlich so: der Alte
    hat Blasen u Mastdarmlähmg läßt
    in der Ernährg nach u ist dabei
    geistig überfrisch u euphorisch 
    Ich glaube wirklich, daß es seine letzte
    Zeit ist, kenne aber nicht seinenTermin
    u getraue mich nicht weg am wenigsten
    über 2 Tage und auf einen Genuß, 
    dem ich ganz nachhängen möchte.
    Dich in Berlin treffen, einige Stunden
    den neuen Zauber von Dir hören
    u dan̄ plötzlich auf eine Nachricht
    Tag oder Nacht zurückreisen müßen,
    die doch dazu ein bloßer Schreck-
    Schuß gewesen sein kann, – dem

  • S.

    möchte ich gerne ausweichen u dieser
    Furcht opfere ich das bren̄ende Be-
    dürfniß wieder einmal ganz zu leben
    mit dem Kopf u dem Herzen zugleich 
    in ζῷον πολιτικόν zu sein und zu alledem
    noch – Dich zu sehen.

    Die Zeitverhältniße an sich, wenn der
    Zustand des Alten kein Hindernis mehr
    bildet, liegen so: Von heute bis z 26/7 
    läuft bei Dir die schlechte Zeit, bei
    mir ein spastisches Bemühen, einige
    Leute fertig" zu machen u ein letztes
    Aufflackern der Praxis. Ich möchte Dich 
    also lieber im August sehen nach
    dem 26, an dem ich Ferien mache. 
    (Im̄er vorausgesetzt, daß ich es kann)
    Deine bessere Woche scheint mir dorthin
    zu fallen, oder hast Du mir nicht
    voriges Mal den 5 schwarz heraus-
    gestrichen? Im August also könnte
    ich Deine Zeit wählen wie auch Deinen
    Ort, was ich Deinem Kopf zuliebe

  • S.

    gerne thäte. Im Sept könnte ich bis
    zur Hälfte desgleichen. Du merkst ich
    will das Leben genießen.

    Meinen Zustand mußt Du mir noch
    aufklären: wol und blödsinnig. Die
    Nothnagel-Arbeit ist ekelhaft u wird
    es werden unfertig u wird es noch
    lange bleiben. Sonst nichts Neues u 
    dringendes Bedürfniß nach Einleitg
    eines befruchtenden Stromes von 
    andersher. Aber ich bin auch thatsächlich
    überarbeitet, dh: ohne intell Fassungs-
    vermögen, freue mich eigentlich, daß ich
    Dich nicht im Juli sehen kann.

    Der Zustand des Alten deprimirt mich
    übrigens nicht. Ich gönne ihm die wol-
    verdiente Ruhe, wie er sie selbst
    wünscht. Er war ein interessanter 
    Mensch, innerlich sehr glücklich; er
    leidet jetzt sehr wenig, löscht mit Anstand
    u Würde aus. Ein langes Krankenlager
    wünsche ich ihm nicht auch meiner ledigen

  • S.

    Schwester nicht, die ihn pflegt u dabei leidet.

    Vorigen Samstag-Sonntag war ich in Aussee
    u habe mich sehr erfrischt. Martha
    ist wol und heiter, die Fratzen sind
    prächtig, selbst das Annerl, das eine
    Zeit Stillstand hatte blüht jetzt mit 
    einem Sum̄ationsschub (fünf Zähne auf.
    Oli ist amüsant, er hat vom Zuhören
    Lesen u Schreiben gelernt u brütet
    den ganzen Tag über orthographische
    Probleme. Eine Hochwiese in unserer Nähe
    heißt das „Bärnmoos". Er liest die erste
    Tafel so. Auf einer zweiten Tafel steht 
    Bernmoos, das fällt ihm auf. Von einer 
    anderen Seite her weist eine Tafel
    zum „Beerenmoos". Das verdichtet sich für
    ihn zu dem Resultat, das er laut ver-
    kündet: „B." kan̄ man schreiben, wie
    man will, mit Umlaut-A, einfachem e, 
    u doppeltem e; das ist alles eins. 

    Mit herzlichst Gruß für
    I.F u RW
    Dein Sigm

    Beilage