• S.

    Wien 20.10.95.

    Liebster Wilhelm

    Alles schön leis auf die 3 tätige Migraine.
    Von diesem Bedauern abgesehen gehört
    dieser Brief der Wissenschaft. 

    Dein Urtheil über die Hy-Zw-Lösg hat
    mich natürlich wahnsinnig gefreut. Nun
    höre weiter. In einer fleißigen Nacht
    der verflossenen Woche bei jenem
    Grad von Schmerzbelastg, der für meine
    Hirnthätigkeit das Optimum herstellt, 
    haben sich plötzlich die Schranken gehoben,
    die Hüllen gesenkt, u man konnte
    durchschauen vom Neurosendetail bis
    zu den Bedinggen des Bewußtseins.
    Es schien alles ineinanderzugreifen, 

  • S.

    das Räderwerk paßte zusam̄en, man 
    bekam den Eindruck, das Ding sei 
    jetzt wirklich eine Maschine u 
    werde nächstens auch von selber 
    gehen. Die drei Systeme von N, der freie 
    u gebundene Zustand von Qἡ, der 
    Primär- u Sekundärvorgang,
    die Haupttendenz u die Compromiß-
    tendenz des Nervensystems, die 
    beiden biolog. Regeln der Aufmerk-
    samkeit- u der Abwehr, die Qualitäts-
    Real- u Denkzeichen, der Zustand 
    der psychosexualen Gruppe, – die 
    Sexualbedingg der Verdrängg, 
    endlich die Bedinggen des Bewußtseins 
    als ω Funktion, – das alles stim̄te 
    u stim̄t heute noch! Ich weiß 
    mich vor Vergnügen natürlich nicht 
    zu fassen.

  • S.

    Hätte ich mit der Mittheilg an Dich doch
    noch 2 Wochen gewartet; es wäre alles
    so viel klarer ausgefallen. Allein
    erst bei dem Versuch es Dir mitzutheilen, 
    ist mir die Sache ja erst klar geworden.
    Es ging also nicht anders. Jetzt werde
    ich wenig Zeit zu einer ordentlichen Dar-
    stellg finden. Die Behandlgen fangen an 
    u die Cerebrallähmgen, die mich gar nicht
    interessiren, drängen geradezu. Aber
    Einzelnes werde ich doch für Dich zusam̄en-
    stellen; die quantit Postulate, aus denen
    Du die Charakteristik der Nbewegg
    errathen sollst, u die Darstellg der
    Neurasth-Angstneurose in den Voraus-
    setzgen der Theorie. Gott erhalte
    mir Deinen Kopf migrainefrei!

    Wen̄ ich 48 St lang mit Dir über
    nichts Anderes sprechen könnte, wäre
    die Sache wahrscheinlich abzuschließen.

  • S.

    Aber das sind Unmöglichkeiten. 

    „Was man nicht erfliegen kann
    muss man erhinken; 
    die Schrift sagt, es ist keine Schande
    zu hinken."

    Sonstige neurotische Bestätigg regnen
    mir – Die Sache ist wirklich wahr
    u echt.

    Heute habe ich einen zweiten Vortrag
    über Hysterie losgelassen, in dem 
    ich die Verdrängg in den Mittelpunkt
    gestellt habe. Es hat den Leuten
    gut gefallen. Laße sie aber nicht
    publiciren. 

    Du hast doch nichts dagegen, wen̄ ich
    meinen nächsten Sohn Wilhelm heiße! 
    Wenn er ein Mädchen wird, ist Anna
    für sie vorgemerkt. 

    Herzliche Grüße
    Dein Sigm

    ---

    1. Schröter (in: Masson, 1985) weist in seiner Fußnote 5 auf Seite 150 auf die Diskrepanz hin, dass der Brief mit 20. 10 datiert ist und Freud den Vortrag am 21. Oktober gehalten hatte. Er löst diesen Widerspruch aber mit dem Hinweis auf den Poststempel des Briefes, der mit 22. Oktober datiert, wieder auf und vermutet, das Freud den letzten Teil des Briefes am 21. Oktober niederschrieb.

    2. Freud hielt am 14., 21. und 28.10.189 im Wiener Medizinischen Doktorenkollegium einen dreiteiligen Vortrag ›Über Hysterie‹. 
    Referate von fremder Hand finden sich in
    der Wiener klinischen Rundschau ( Bd. 9 (1895), S. 662f., 679f., 696f [Referat von A-r]),
    der  Wiener medizinischen Presse ( Bd. 36 (1895), Sp. 1638- 1641, I678L),
    in der  Wiener medizinischen Wochenschrift (Bd. 45 (1895), Sp. 1995-1997),
    im  Wiener medizinischen Blatt (Bd. 18 (1895), S. 684, 70if.)
    und den Medizinischen Neuigkeiten für praktische Ärzte (Bd. 45 (1895), S. 385-389, 393f).
    Der Bericht über die anschließenden Diskussionen findet sich in: 
    der Wiener klinischen Rundschau (Bd. 9 (1895), S. 711, 728 [Referat von A-r]), 
    der Wiener medizinischen Presse (Bd. 36 (1895), Sp. 1717L, I757f) 
    Wiederabdruck in GWN, S. 328-341, 342-351.

    3. Rückert, Friedrich: Die Verwandlungen des Ebu Seid von Serûg oder die Makâmen des Hariri, in freier Nachbildung.
    Teil 1. Stuttgart und Tübingen: Johann Friedrich Cotta, 1826
    2. vervollständigte Auflage, 2 Bde., Stuttgart und Tübingen: Johann Friedrich Cotta, 1837
    Hier zitiert nach der 5. Auflage, Stuttgart und Tübingen: Johann Friedrich Cotta, 1844
    http://digital.bib-bvb.de/view/bvbmets/viewer.0.6.4.jsp?folder_id=0&dvs… [2021-01-29]]
          
    Verfasser: Ḥarīrī, al-Qāsim Ibn-ʿAlī al- (1054-1122)
    irakischer Dichter und arabischer Grammatiker, bekannt vor allem durch seine Makamen, die in viele Sprachen übersetzt wurden.

    "Makame bedeutet einen Ort, wo man sich aufhält und sich unterhält, dann eine Unterhaltung selbst, eisenunterhaltsamen Vortrag oder Aufsatz, nach unserer Art eine Erzählung oder Novelle." (Rückert, 5. Auflage 1875, III)

    Das Zitat Freuds findet sich am Ende der zweiten Makame, zitiert nach der 5. Auflage, 17- ´24)
    "Ich hinke, doch nicht aus Vergnügen am Hinken,
    Ich hink', um zu essen, ich hink', um zu trinken.
    Ich hinke, wo Sterne der Hoffnung mir winken,
    Ich hinke, wo Gulden entgegen mir blinken.
    Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken.
    Viel besser ist hinken, als völlig zu sinken.
    Die Schrift sagt: Es ist keine Sünde, zu hinken.2

    2 Der Koran sagt, bei Gelegenheit einer Aufmahnung zum
    heiligen Kampfe: Doch wer hinkt, für den ists keine
    Sünde
    (nämlich vom Kampfe zu Haus zu bleiben." (ebd, 24)

    Freud verwendet das Zitat auch am Ende von ›Jenseits des Lustrinzips‹ (1920-006)