• S.

    Wien 16.3.96
    Teurer Wilhelm

    Die Depression über Deinen Kopfschmerz-
    kalender habe ich eigentlich noch nicht
    überwunden. Ich kan̄ mich etwa darüber
    freuen, daß Ostern weit weg von
    dem Termin fällt, den Du als den
    kritischesten unterstrichen hast. Sonst
    ersehe ich ja leider, daß jeder dritte
    Tag für Dich Kopfweh bringt. Aber
    wie die Kaiser einen unbezweifelten
    Einfluß auf das Wetter nehmen so
    habe ich Deine Kopfschmerzen durch
    meine Gegenwart günstig stim̄en können
    u hoffe darum auf schönes Wetter
    für unsere Zusam̄enkunft. 

    Glaube nicht, daß ich Deinen Perioden
    Mißtrauen entgegen bringen, weil sie
    sich in Deinen u Deiner Frau Beob-
    achtgen nicht frei von störendem
    Einflüßen darstellen; ich will

  • S.

    nur hintanhalten, daß Du dem Herrn
    Gegner Publicus etwas bietest, was
    Nachdenken von ihm fordert, wie
    ich es leider beständig thue, weil
    er sich für solch Zumuthgen stets
    zu rächen pflegt. 

    Wie geht es R-W? Hoffentlich wieder
    sehr gut. Unser Annerl ist reizend 
    die anderen ausnahmsweise alle
    wol. 

    Wissenschaft geht gemächlich vorwärts. Ich 
    habe heute – wie ein Dichterjünglich 
    zu thun pflegt – ein Blatt mit einem 
    Titel beschrieben: 
    Vorlesungen 
    über die 
    großen Neurosen 
    (Neue. Angst, Hy. Zw)
    Ich sehe nämlich, daß ich in der Erkenntnis 
    der gemeinen Neurosen für jetzt 

  • S.

    nicht weiterkom̄en u nichts zurücknehmen
    brauche. So will ich losschlagen u die
    Dingen fixiren. Dahinter soll ein zweites
    u schöneres Werk lauern: 
    Psychologie und Psychotherapie der 
    Abwehrneurosen.
    für das ich mir noch Jahre Vorbereitg
    lasse u worin ich meine Seele stecken
    will.

    Einen Fall von Dispomanie will ich Dir
    noch mitbringen, der sich sehr durch-
    sichtig nach meinem Schema gelöst hat.
    Auf die Psychologie kom̄e ich beständig
    zurück, ich kan̄ der Nöthigg nicht
    ausweichen. Was ich habe, ist wol weder
    eine Million, noch ein Kreuzer,
    sondern ein Klumpen Erz, in dem
    unbekan̄t wieviel Edelmetall steckt.
    Ich bin im Ganzen mit den Fortschritten 
    zufrieden, habe aber Anfeindungen
    u lebe in solcher Isolirg, als ob
    ich die größten Wahrheiten gefunden hätte. 

  • S.

    Unser Congreß soll eine rechte Erholung
    u Auffrischung werden.

    Mit herzlichsten Grüßen an
    Dich, Deine liebe Frau u 
    Mutter von RW
    Dein Sigm