• S.

    Wien 6.2.96.
    Liebster Wilhelm

    Es war ein unerhörtes Intervall 
    in unserem Briefwechsel. Ich 
    wußte Dich mit Robert Wilhelm
    chen beschäftigt; Nase und Sexus 
    über ihn vergessend, u er lohnt 
    es Dir hoffentlich durch sein 
    Gedeihen. Ich habe gerackert 
    einen meiner Anfälle von Quartals-
    schreiberthum durchgemacht u ihn 
    dazu ausgenützt, 3 kleine Mit-
    theilgen für Mendel u eine Ge-
    darstellg für die Revue 
    neurologique zu verfassen. Gestern 
    ist alles abgegangen; da es 
    kein Anderer thut, klatsche 
    ist mir selbst Beifall, beschließe
    auf meinen selbstzugetheilten
    Lorbern auszuruhen u beginne 
    sofort Dir zu schreiben. 

  • S.

    Das Mnscrpt des deutschen Aufsatzes
    habe ich Dir erspart, weil es
    identisch mit einem Teil des
    Inhaltes, den ich Dir im Weihnachts-
    märchen versetzt hatte. Schrecklich
    leid thut es mir, daß diese letzten
    Neuigkeiten (die wirkliche
    Aetiologie der Hy – Wesen der
    Zw – Einsicht in die Paranoia) Dir durch
    meine Darstellg verleidet worden
    sind. Auf unserem Privatcongreß 
    im Som̄er wirst Du alles deutlich
    vorgelegt bekom̄en. Ich gehe
    nach München 4-7 Aug, psychol
    Congreß; willst Du mir diese
    Tage schenken? Ich engagire mich
    absolut nicht offiziell.

    Annerl ist prächtig, Martha hat
    lange gebraucht sich zu erholen.
    Mathilde ist mit einem sehr
    leichten Scharlach seit 8 Tagen
    isoliert; bis jetzt noch kein

  • S.

    zweiter Fall. Mit Breuer ist
    absolut kein Auskom̄en mehr
    für mich; was ich an schlechter Be-
    handlg u geistreicher Urtheils-
    schwäche in den letzten Monaten
    hingenom̄en habe, hat mich doch
    endlich gegen den Verlust innerlich
    stumpf gemacht. Lass' aber ich bitte
    Dich kein Wort darüber fallen,
    was den Weg hieher zurück
    finden könnt. 

    Unser Vuch hat von Strümpell in
    der D. Z. f. Nervenh. eine nieder-
    trächtige Besprechg erfahren, ist
    dafür Gegenstand eines feinsin̄igen
    Artikel in der alten „Presse"
    2/2 96 von Freiherr v. Berger gewesen. 

    Wir bitten sehr, nachdem Alles
    gelaufen sein dürfte, um
    ein paar Worte über das
    Befinden Deiner lieben Frau

  • S.

    und meines kleinen Freundes.

    Mit herzlichem Gruß an
    ​​​​​​​Euch alle drrei
    Dein Sigm