• S.

    Obertressen12/8 96

    Mein theurer Wilhelm

    Nicht so unbestim̄t, Ich bin eben
    von einer zweiten kleinen Tour
    nach der Lichtensteinklam̄ zurück-
    gekom̄en; die erste war auf den
    Schafberg u nach Salzburg.
    Die Genesg schreitet rasch vor;
    alle Delirien tragen sieghaften
    Charakter; ich überrasche mich
    wieder bei Gestaltungsversuchen.
    Nun muß ich bald sehen, wie es
    Dir geht u hören, was ich von Dir
    erfahren kann. Letzte August-
    woche willst Du in Brühl sein;
    damit ist mir nicht gedient; ich
    bin ja nicht in Wien. Ich bestehe
    auch hartnäckig auf Punkt 4
    der Congreßstipulationen.
    Sitz des Congresses weder Wien
    noch Berlin. Das heißt nichts. 

  • S.

    Ich will wieder wie in Jugendzeiten
    (Hirschbühel – Salzbg, weißt Du
    noch) mit Dir wandern und
    eßen, wie wiederzubeleben auch
    in Dresden gelungen ist. (Deine
    liebe Ida soll diesen Passus
    rasch überlesen, damit nicht
    Breuer‘sche Saat bei ihr greifen
    wird.) Zeit habe ich nur bis
    letzten diesen Monats, wenn
    ich die Tour nach Italien beginnen
    will, zu der Du zustim̄st. Allerdings
    wackelt alles, ich kann Dir die
    vielfachen Plancomplicationen
    in der weitläufigen Familie
    nicht eingehend mittheilen. Du
    hast die Bestim̄gen vielleicht
    einfacher zu treffen: schreib mir
    recht bald, wann Du mit Rücksicht
    auf Termine u andere Absichten
    von jetzt bis Ende d. M. zu

  • S.

    haben bist und ob und inwieferne
    die Örtlichkeit Funktion der Monats-
    zeit wird. Es soll ein ordentlicher
    tüchtiger Congress werden wie
    der vorige, it weniger Jam̄ern
    u mehr Rezipiren von meiner
    Seite.

    Daß Du conservativ wirst in Bezug
    auf Deinen Kopf zunächst, ist
    mir ein kleines Stück Genug-
    tuung. Das Weitere wollen wir
    miteinander erleben.

    Deinem Jungen gratulire ich zum
    1 Zahn u zum kindlichen Gehorsam.
    Bei mir ist Alles ungewöhnlich
    wol bis auf meine jung verheiratete
    Schwester, die sich nach einem Abortus
    zögernd erholt. Annerl ist blöde
    gefräßig u hat sechs unbeobachtete
    Zähne dank ihrer unwissenschaft-
    lichen Mutter. Sopherl, 3 1/2 J ist
    jetzt im Stadium der Beaute!.

  • S.

    Die Buben sind schlimm u drollig,
    Mathilde sehr fesch bis auf ihren
    jetzt im Facial lokalisirten Tic.
    Der Alte gedeiht wieder merk-
    würdigerweise,

    Die Correcturbogen möchte ich nicht
    vermißen; Du wirst anerken̄en,
    wie rasch eine Unterströmg
    bei mir abläuft. Bei Dir
    giebt es zum Glück keine. Ich
    verzichte also auf nichts von
    meinen Congreßerwartungen.
    Hörst Du? ich bin wieder sehr
    fesch u freue mich riesig
    darauf.

    Mit kurzme Gruß
    unterdeß herzlichst
    Dein Sigm

    Martha grüßt
    Euch drei wärmstens.