-
S.
SF
IX. BERGGASSE 19.31. Okt 97
Theurer Wilhelm
Ich bin so froh wieder Nachricht
von Dir zu haben (die dritte
seit Berlin) daß ich alle Vergeltgs-
ideen verscheucht habe. Und daß
etwas Ganzes bei Dir zusam̄en-
kom̄t u biologische Typen sich
herausstellen wie Deine Parallele
zwischen Geburt u Erkrankg scheint
mir entzückend u ein Versprechen
für viel mehr in nächster Zukunft
zu enthalten.
Dein Neffe – angeblich Georg ge-
nan̄t, denn seinen Vater habe
ich noch nicht gesprochen – ist ein
ganzer Rie, lang, mager, mit
allen durch Kinderfett noch nicht
verdeckten Zügen der väterlichen
Familie. Von den Details seiner -
S.
Geburt wirst Du soviel oder
mehr wissen als ich. Den Termin
u das Geschlecht sollst Du einem
Gerücht zufolge vorher gewußt
haben. Zu meiner Beruhigg
erfuhr ich, daß sie heute 36.4
hat. Wegen erster Vorlesung
(mit 11 Hörern) konnte ich gestern
abds nicht mehr hingehen, was
übrigens eine dankenswerte
Schonung war.Dr. G. ist was Du von ihm sagst, u
vor Allem noch in seinem Character
unverläßlich, aus zu schlechtem
Familienmaterial gemacht. Meine
Pflicht als Lehrer habe ich voll gegen
ihn zu erfüllen gesucht. Er hat eine
Menge erfahren, begreift sehr leicht
u setzt sehr gut fort. Er macht sich
das Glauben allzu bequem.
Hängt sich gleich mit Haut u Haaren
an. In Folge all dieses Pro und -
S.
Contra fühle ich gegen ihn wie gegen
einen ungerathenen Sohn. Ich wünsche
ihm das Beste u muß seine Schande
als meine nehmen.Das Geschäft bei uns ist so, daß ich
erwarte, wir gehen sehr schlechten
Zeiten entgegen, die ja auf
anderen Gebieten längst etablirt
sind. Da ich Zeit habe, ließ ich mich
bestim̄en, 2 Fälle zur unentgeltl
Behandlg zu übernehmen. Macht
mit meiner Person 3 Analysen,
die nichts tragen.Meine Analyse geht weiter, bleibt
mein Hauptinteresse, alles noch dunkel
selbst die Probleme, aber ein behag-
liches Gefühl dabei, man brauchte nur
in seine Vorratsräume zu greifen
um seinerzeit herauszuholen, was
man braucht. Das Unangenehmste
sind die Stim̄ungen, die einem
die Wirklichkeit oft ganz verdecken.
Auch die sex. Erregg ist für einen
wie ich nicht mehr zu brauchen. -
S.
Ich bin aber noch im̄er freudig dabei.
An Resultaten ist jetzt gerade wieder
Stille eingetreten.Glaubst Du daß das aus dem Schlafsprechen
der Kinder dem Träumen angehört.
Wenn ja, dan̄ kan̄ ich Dir den aller-
jüngsten Wunschtraum vorstellen:
Annerl, 1 1/2 J. In Aussee eines Tages
Aushungerung, weil sie morgens erbrochen,
was auf eine Erdbeermalzeit ge-
schoben wird. In der Nacht darauf
ruft sie aus dem Schlaf einen
Speiszettel aus: Erbeer, Hochbeer,
Eierpeis, Papp." Ich habe Dir's viel-
leicht schon erzählt.Unter dem Einfluß der Analyse er-
setzen sich meine Herzbeschwerden
etzt sehr häufig durch Magendarm-
beschwerden.Verzeih das Geschwätz heute,
das nur die Continuität
unseres Briefverkehrs betonen
soll. Herzlichst Dein Sigm.
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F2