• S.

    13.3.95.

    Liebster Wilhelm

    Es ist eine Schande, daß wir beide so
    viel krank sind, wo wir so viel vor
    uns haben. Ich bin froh, etwas
    von Dir zu sehen, Knappheit u Lücken
    im Bericht bin ich schon gewohnt auf
    Übles umzudeuten. Hoffentlich schreibst
    Du mir nächstens mehr u dan̄ ist
    auch Besseres dabei. 

    Der Eckstein geht es endlich gut, wie
    es ohne den Umweg 3 Wochen früher
    hätte gehen können. Es spricht doch für
    sie, daß sie ihre Position gegen keinen
    von uns beiden verändert hat, sie
    ehrt Dein Andenken über die uner-
    wünschte Zufälligkeit hinweg. 

    Es war eine grausliche Zeit für mich
    so ziemlich in jeder Hinsicht, auch die

  • S.

    große Einschränkung meiner Berufsthätigkeit
    durch die Epidemie hat mir übel gethan.
    Das einzige, was mir von dieser letzten
    Woche in Erinn̄erung ist, ist, daß ich 52
    Druckseiten über Psychotherapie
    der Hysterie geschrieben habe, die
    ich Dir in Correctur zu lesen geben
    werde. Sonst war ich so tief unten
    wie selten, beinahe melancholisch 
    alle Interessen hatten an Werth
    verloren. Es muß auch Katzenjam̄er
    über die Vereinsamung nach unserem
    langen Beisam̄ensein mitgetan haben. 

    15. 3. Heute ist endlich Dein Brief ge-
    kommen, der wieder für Wohlbefinden
    spricht. Hör' einmal, die 2 Briefe von
    Chrobak sind aber genau das, was 

  • S.

    wir hier als Zugabe  zur Ch’sche  Bonhommie
    kennen: Kleinlichkeit u Unzuverlässigkeit
    Das bestätigt die umlaufenden Berichte.
    Gersuny sagt: Ch. hat im̄er die Meinung
    seiner Umgebung. Ich bin ja überzeugt,
    Du hast würdig geantwortet u wirst die
    Sache in einigen Wochen entschieden haben.
    Was für Wortklauberei berechtigt ihn
    dazu zu sagen: der Wehenschmerz sei
    durch Deinen Versuch nicht aufgehoben?

    Breuer ist wie der König David,
    wen̄ jemand toot ist, wird er heiter,
    vorher war er sehr stark ergriffen.
    Unlängst äußerte er nach einem höflichen
    Zettel von mir, er wolle nicht, daß ich
    ihn mit so ausgesuchter Höflichkeit
    behandle, ihn nicht. Er erwiderte, es
    fiele mir im̄er leicht, nachdem Du

  • S.

    in Wien gewesen bist. Dan̄ hätte ich mich
    mit Dir ausgeschimpft u sei wieder
    ganz gut. – Frau Landauer hat mich
    gestern wieder wegen krampfhafter
    Brustschmerzen holen lassen, sonst sind
    es Kopfschmerzen. Ich habe mir bei
    ihr eine merkwürdige Therapie er-
    funden, ich suche empfindliche Stellen 
    drücke auf sie u provocire so
    Schüttelkrämpfe, die sie befreien.
    Diese Stellen waren früher Supra-
    orbita u Ethmoid, jetzt sind es (für
    den Brustkrampf) 2 Stellen an
    der Brustwand L, ganz identisch
    mit meinen. Beim Druck auf den
    Axillarpunkt sagte sie, das geht in
    den ganzen Arm, bis in die Finger.

  • S.

    Sie hat diese Schmerzen nicht spontan wie
    ich. Breuer kam zufällig hinzu u sagte ihr,
    sie muß doch nach Berlin. 

    Die Eckstein ist chirurgisch bald in Ordnung,
    jetzt fangen nervöse Folgen des Zwischen-
    falles an, nächtliche hyst. Anfalle, u dgl 
    die ich in Arbeit nehmen muß. Es
    wäre jetzt an der Zeit, daß Du Dir
    das minimale Versehen, wie Breuer
    es nannte, verzeihst.

    Wie es mir gegangen ist? Mit einem
    Wort zu sagen: Hundemäßig, niederträchtig
    elend. Seit gestern abends klingt es
    ab, ich bin wieder Mensch mit menschlichen
    Gefühlen, mir ahnen neue Einfälle
    und noch einige Jahre Leben. Es war
    lange nicht so arg. Die Eiterung ist
    jetzt sehr gering, begon̄en hat die
    ganze Geschichte mit einer Borke, die

  • S.

    ich noch in Deinem Beisein heraufbefördert
    habe. 

    Ich habe in Voraussicht Deiner Wünsche
    gleich 1 Dutzend unserer Bilder genom̄en
    u kann Dir also leicht noch 3 schicken
    mit Umgehung des Photographen. Die
    Anzal der Personen, denen man das
    gemeinschaftliche schenken kan̄, ist
    doch nicht groß. 

    Wissenschaftlich mache ich es jetzt wie
    der dritte Littrow im Gymnasium. 
    Ich pausire. Ich habe viel von meinen
    neurotischen Funden im psych Verein
    u privat mitgetheilt u mich schließlich
    über das sehr geringe Maß von Ver-
    ständnis geärgert, ich ziehe mich wieder
    zurück. Sollen sie es besser wissen.
    Die Diskussion über Zwangsvorst war

  • S.

    noch immer nicht. Krafft ist leidend u erscheint
    nicht öffentlich. 

    20/3. Ereigniße dazwischen haben den
    Brief unterbrochen. Ich kan̄ heute fortsetzen
    u schließen.– Mein Geständnis,
    daß es mir so schlecht geht, hat mich
    auch gehindert, den Brief abzuschicken.
    Jetzt kan̄ ich Dir mittheilen, daß es mir
    seit vorgestern plötzlich wieder sehr
    gut
     geht, etwa das Niveau von der
    Zeit Deiner Anwesenheit. Die Eiterg
    hatte einige Tage vorher aufgehört. 

    Der armen Eckstein geht es weniger gut 
    Das war der zweite Grund meines
    Aufschubs. Sie hat 10 Tage nach der 2ten
    Operation nach normalem Verlauf
    plötzlich wieder Schmerzen u Schwellg 

  • S.

    bekom̄en, unbekan̄t woher. Tags darauf
    eine Blutung, es wurde rasch tamponirt.
    Mittags als sie den Tampon lüfteten um
    nachzusehen neuerliche Blutung, daß sie
    bald geblieben wäre. Seither liegt sie
    wieder fest zugestopft u ganz elend.
    Gussenbauer u Gersuny meinen, es sei
    ein großes Gefäß, aus dem es blute – 
    aber welches? –  u Freitag wollen
    sie mit Carotiskompression, Schnitt von
    außen nachschauen, ob sie die Quelle
    finden. Ich habe die Arme in Gedanken
    verloren gegeben u bin untröstlich,
    daß ich Dich hineingemengt u Dir solche
    peinliche Angelegenheiten geschaffen habe.
    Es thut mir auch sehr leid um
    sie, ich hatte sie sehr lieb gewon̄en. 

    Mit herzlichst Gruß für Dich
    und Ida
    Dein Sigm